Widerstand zwecklos

Kriege, Krisen, Katastrophen – die Weltnachrichten sind dieser Tage voll von Hiobsbotschaften. Bei uns gibt es dementsprechend nur ein Thema: Kindergarten.

Fritzi hat im Dezember ihr zweites Lebensjahr vollendet und damit die Reife erlangt, einen französischen Kindergarten zu besuchen. Auch wenn ich es nicht hoffe, kann es immer noch passieren, dass ihr Ernst des Lebens mit sechs Jahren in einer französischen Schule beginnt. Darauf muss man sich vorbereiten, das ist kein Zuckerschlecken. Immerhin verbringt sie ihre Tage nicht seit dem dritten Lebensmonat in einer Krippe und konnte wenigstens ein bisschen Nestwärme tanken. Was andererseits den Vorteil hätte, dass sie den morgendlichen Abschied bereits kennen würde (dass er Krippenkindern nichts mehr ausmacht, halte ich allerdings für ein Gerücht).

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde es sehr gut, dass sie in den Kindergarten geht, weil ich davon überzeugt bin, dass sie von dem Zusammensein mit den anderen Kindern profitieren wird, und wir haben uns die Schule, wie sie hier genannt wird, sehr genau ausgesucht. Es ist eine private Einrichtung, die nach den Vorgaben von Maria Montessori arbeitet. Was im Vergleich zu den staatlichen Betreuungsangeboten (10 Kinder pro Erzieher sind keine Seltenheit, da kann man eigentlich nur noch für Ruhe sorgen) einen gewaltigen Unterschied ausmacht. Kleinere Gruppen, mehr Erzieherinnen, kein Frontalunterricht, keine Disziplinierung.

Trotzdem: Mit zwei Jahren sind die Kinder noch sehr klein und der Abschied von Mama oder Papa ist jeden Morgen auf’s Neue eine Begegnung mit der Urangst des Verlassenwerdens. Besonders schlimm ist es montags (nach dem Wochenende) und donnerstags (weil der Mittwoch frei ist). Und Fritzi hat noch den Vorteil, dass ich sie nach dem Mittagessen wieder abhole. Die meisten bleiben den ganzen Tag dort.

Für die Eltern ist es natürlich toll, dass es all diese Angebote gibt. Und vor allem, dass sich niemand dafür rechtfertigen muss, wenn sie bereits fünf Tage nach der Geburt ihres Kindes wieder arbeitet (so wie unsere Justizministerin hier). Vielleicht könnte die Vergreisung des deutschen Landes mit einer ähnlich elternfreundlichen (denn kinderfreundlich, seien wir doch ehrlich, sieht anders aus) Familienpolitik verhindert werden. Denn was ist praktischer, als Kinder zu bekommen, aber keine Verantwortung tragen zu müssen, weil sie von klein auf den ganzen Tag fremdbetreut werden? Man muss sie nicht bekochen, sie bringen kaum etwas im Haushalt durcheinander und die Freizeitgestaltung findet nur am Wochenende statt. Da fallen einem dann auch zwei bis drei Spiele ein und Werte kann man in der kurzen Zeit eh nicht vermitteln. Super Geschichte!

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang auch, was andere Deutsche, die im Gegensatz zu mir hier arbeiten gehen, berichten: Im Arbeitsleben haben sie u.a. deshalb häufig Probleme, weil französische Angestellte (wenn sie keine Führungskraft sind) nur selten Eigeninitiative zeigen. Sie machen das, was der Chef ihnen sagt – und der will das auch so. Hier werden Aufgaben, aber keine Verantwortung, delegiert. Pro-aktives Handeln ist ein Fremdwort. Wenn man es in Deutschland gewohnt war, selbstständig zu arbeiten, ist man hier ganz schön gekniffen – der Chef weiss alles besser und kann auch alles besser. Und die, in diesem Fall wirklich, Untergebenen finden das gut und machen sich an ihren Auftrag.

Ein Schelm, wer denkt, dass es daran liegt, dass sie bereits als Kleinkinder darauf getrimmt wurden, ihrem Lehrer widerspruchslos zu folgen.

16. Januar 2009 at 16:30 Hinterlasse einen Kommentar

Lieber ein Ende mit Schrecken…

Zum Glück gibt es für jede Lebenslage einen dummen Spruch und zum Glück geschehen manchmal noch Wunder: In der letzten Woche konnte Faris zu seiner Mutter nach Bremen zurückkehren.

Ein herzliches Dankeschön an alle, die geholfen haben!

Weitere Infos findet Ihr hier.

24. November 2008 at 17:08 Hinterlasse einen Kommentar

Ich warte, also bin ich

Ein schlauer Mensch hat mal herausgefunden, dass wir statistische 5 Jahre unseres Lebens wartend in irgendwelchen Schlangen verbringen (während wir uns nur 3 Monate lang die Zähne putzen und 1,5 Jahre lang waschen – was natürlich nicht für die Franzosen gilt, aber das hatten wir ja schon).

Aus Hamburg wieder zurück in Paris haben wir uns also als erstes daran gemacht, etwas auf unser Lebenswartenschlangenkonto einzuzahlen und uns das Innere des Chateau Versailles angeschaut.
Zuerst standen wir anderthalb Stunden vor dem Ticket-Schalter an, danach, um reingehen zu dürfen, dann, um einen Audioguide zu bekommen und schlussendlich nochmal, um einen Blick in die Kapelle zu werfen. Für die Toiletten mussten wir uns sowieso immer anstellen. Dazwischen trug uns die Menschenmasse von einem Raum in den anderen, mit andächtigem Verharren war plötzlich Schluss.

Mittlerweile hatte Fritzi die Lust am Telefonieren mit dem Audioguide verloren und Hunger bekommen. Essen ist in Versailles verboten. Zum Glück hält sich Gerolds Interesse an Schlössern in Grenzen und die zwei hielten ein Picknick mit anschließendem Mittagsschlaf im Schlosshof ab (was eigentlich auch verboten ist, zumindest der Teil mit der Nahrungsaufnahme – Trinken darf man übrigens, aber nicht mehr als 0,5 Liter).

Versailles ist ein beeindruckender Bau mit einem ebenso beeindruckenden Garten (dessen Wasserspiele allerdings nur zweimal pro Tag das Auge erfreuen). Leider sind von der Inneneinrichtung kaum Möbel erhalten und der Eindruck, den man vom höfischen Leben bekommt, ist begrenzt. Auch dadurch, dass man beispielsweise keine Küchen oder Badezimmer (die es vielleicht gar nicht gibt?) anschauen darf.
Einen etwas authentischeren Eindruck vom damaligen Schlossleben bekommt man – und damit bringe ich dann doch tatsächlich meinen ersten Ausflugstipp an – im Chateau Fontainebleau. Der Garten ist zwar bei weitem nicht so eindrucksvoll wie das Pendant in Versailles, doch dieses Manko kann man durch einen Spaziergang im nahe gelegenen – und riesigen – Forêt de Fontainebleau locker ausgleichen.

12. August 2008 at 15:09 1 Kommentar

Hamsterfahrt

Natürlich stand unser Hamburg-Besuch nicht nur im Zeichen der Selbsterkenntnis, sondern auch der Selbsterneuerung: Ich war endlich mal wieder beim Friseur.

Nun ist es nicht so, dass es die Figaros in der Hauptstadt der Mode nicht drauf hätten – ganz im Gegenteil, bestimmt sind sie einsame Spitzenklasse. Nur leider fehlten mir bisher immer im entscheidenden Moment die Vokabeln, die das drohende Desaster aufzuhalten vermocht hätten und die Weltsprache Englisch gehört einfach nicht zum Repertoire der hiesigen Coiffeurs.

Nach diversen Verschneidungen sass ich also endlich wieder auf einem deutschen Friseurstuhl und genoss die Beschreibung dessen, was ich gern hätte, in meiner Muttersprache.

Da der Zufall bekanntlich ein Eichhörnchen ist, kam der junge Mann, der meine Haarpracht wieder in Form bringen sollte, aus der schönen und französischen Provence. Zwangsläufig landeten wir irgendwann beim Thema Essen, das geht auch gar nicht anders, und da er kaum glauben konnte, dass man deutsche Lebensmittel im Reich des Paul Bocuse vermissen kann, erzählte ich ihm von unserer letzten Hamsterfahrt nach Deutschland, als wir nicht nur unseren Wohnwagen gekauft, sondern auch dessen Zugmaschine (das ist seit Januar übrigens der neue Volvo V70 – ein seeehr grosses Auto, viiiel zu gross für Pariser Strassen und Parkplätze, mit einem tollen Kofferraum und einem miserablen Navigationssystem) bis ans Dach beladen haben.

Zum Beispiel (nix für Vegetarier und andere Gesundheitsbewußte, aber immerhin Bio bzw. von Bauernhöfen aus der Region) mit Leberwurst, Teewurst, Mettwurst (eine französische Salami kann mit einer deutschen Mettwurst einfach nicht mithalten), Mettenden, Landjäger, Schinken (auch hier ziehe ich die geräucherte Variante der luftgetrockneten eindeutig vor), Bierschinken, Schinkenwurst, Sauerbraten, Rouladen und Streich-Bratwurst, aber auch mit Trollinger, Trollinger mit Lemberger, Schwarzriesling, Spätburgunder (ich habe immer noch keinen französischen Rotwein gefunden, nach dessen Genuss ich mich nicht wie mit Beton-Schuhen an den Füssen fühle), Brot, Kuchen und Marmelade von Fritzis Oma und Selbstgebrannten von Fritzis Ur-Opa.

Ein bisschen was wieder gut machen konnte ich immerhin, als ich ihm sagte, dass ich zumindest zwei traditionelle französische Gerichte kochen kann – nämlich die Quiche und die Tartiflette – und nie mehr wieder ohne Creme Brulee und Pain Suisse leben möchte.

Wenn ich mir allerdings die Liste nochmal anschaue… Vielleicht reisen wir mit unserem Wohnzimmer auf Rädern doch nicht weiter in Frankreich rum, sondern nisten uns auf einem deutschen Supermarktparkplatz ein…

8. August 2008 at 15:38 Hinterlasse einen Kommentar

Kinderschreckse

Wie schon angedeutet, haben wir vor ein paar Wochenenden wieder einmal das Tor zur Welt besucht. Mal ganz abgesehen davon, dass es am ersten Tag (der zum Einkaufen bestimmt war) ununterbrochen regnete, Fritzi und ich nur Sandalen – und keinen Schirm – dabei hatten und Air France den Kinderwagen in Paris stehen ließ, musste ich außerdem die Erfahrung machen, dass ich offensichtlich dem deutschen Mutter-Feindbild wie aus dem Gesicht geschnitten bin.

Denn tags darauf wurde ich doch tatsächlich verdächtigt, mein Kind in der Sonne, die zum Glück wieder schien, allein im Auto schlafen zu lassen. Statt zu erwidern, dass sie hupen würde, wenn es ihr langweilig sei, fing ich doch glatt an, mich zu verteidigen (wobei es nix zu verteidigen gab, denn erstens war Gerold bei Fritzi und zweitens fragt man vielleicht mal nach, bevor man anklagt).

Zwei Tage später puhlte die jugendliche Rezeptionistin unseres Hotels mit ihren langen Fingernägeln noch einmal in meiner Wunde rum. Ob ich mein Kind in der Empfangshalle einfach so stehen lassen wolle – wollte ich nicht, sondern nur den Kinderwagen. Hallo, jemand zu Hause?

Scheinbar stehen Mütter in Deutschland mittlerweile unter Generalverdacht – nicht nur, dass wir unsere Kinder nicht adäquat betreuen; nein, wir setzen sie wahlweise auch noch aus oder bringen sie gleich direkt um. Dann doch lieber einmal pro Woche in die USA einreisen – da wird man wenigstens nur wie ein Terrorist behandelt.

22. Juli 2008 at 15:20 4 Kommentare

Twix heißt wieder Raider

Es geht wie gewohnt weiter!

Und auf Hose reimt sich Dose…

18. Juli 2008 at 14:09 Hinterlasse einen Kommentar

Wo Gesang ist, da suche das Weite

Ich beneide Gerold immer darum, wenn er beruflich nach Hamburg reisen darf. Naja, eigentlich beneide ich nicht ihn, sondern die Reise. Oder anders gesagt, ich möchte nur reisen, aber nicht beruflich. Denn einmal angekommen, sitzt Gerold den ganzen Tag in Besprechungen und als ob sie alle noch nicht genug Zeit miteinander verbracht hätten, gehen sie abends auch noch gemeinsam essen.

Leider kann ich nicht immer dabei sein, in Erinnerungen schwelgen, Currywurst essen und durch die Geschäfte bummeln, und so blieb ich vor einiger Zeit allein zurück, während sich der schwer arbeitende Mann aufmachte, in die schönste Stadt der Welt zu reisen.
Mein Schwermut wich aber schon am nächsten Morgen einer gewissen Erleichterung, nämlich in genau dem Moment, als Gerold mich mit dem Abendblatt in der Hand anrief und die Einschaltquoten vom Wochenende vorlas. Uneinholbarer Sieger war „Das Frühlingsfest der Volksmusik“ (oder so ähnlich, es ist ja schon Sommer und so erinnere ich mich nicht mehr ganz genau), samstags in der ARD. Ich war sprachlos vor Entsetzen.
Dazu muss ich folgendes anmerken: Wir haben an besagtem Samstag nach der Tagesschau nicht gleich die Kurve gekriegt und so lief der Quotenkönig bereits, als wir mit Wein zu Weib und Gesang ins Wohnzimmer zurückkehrten. Ich kannte Florian Silberlocke nur als (wie ich finde, urkomische) Switch-Parodie und so ließen wir das lustige Stelldichein einfach mal weiterlaufen. Wir hörten uns seine Kranken- und Krückengeschichte an und sahen langbeinige Tänzerinnen einen French Can-Can tanzen (natürlich nicht Oben-ohne). So weit, so grausig. Doch dann kam ein rotes Pferd auf die Bühne und die folgende Darbietung war das schlimmste, was ich seit langem gesehen hatte. Zum Glück bestand der Text des Liedes aus ungefähr einer Zeile und „lalalalala“ – mehr wäre auch nicht zu ertragen gewesen. Als Nachtisch oder Verdauerli, man kann es sehen wie man will, lauschten wir noch einer Dirndlträgerin, die sich so darüber freute, dass wir da sind, dass sie das gleich auch singen musste. Eine Darbietung in Gebärdensprache hätte mir vollauf gereicht.
Ich weiß jetzt gar nicht mehr, ob wir noch umgeschaltet oder gleich den Stecker gezogen haben und schlafen gegangen sind. Mein Heimweh war jedenfalls kuriert (zumal ich wusste, dass auch ich bald mal wieder reisen darf – davon mehr beim nächsten Mal).

18. Juli 2008 at 14:07 Hinterlasse einen Kommentar

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