Widerstand zwecklos

16. Januar 2009 at 16:30 Hinterlasse einen Kommentar

Kriege, Krisen, Katastrophen – die Weltnachrichten sind dieser Tage voll von Hiobsbotschaften. Bei uns gibt es dementsprechend nur ein Thema: Kindergarten.

Fritzi hat im Dezember ihr zweites Lebensjahr vollendet und damit die Reife erlangt, einen französischen Kindergarten zu besuchen. Auch wenn ich es nicht hoffe, kann es immer noch passieren, dass ihr Ernst des Lebens mit sechs Jahren in einer französischen Schule beginnt. Darauf muss man sich vorbereiten, das ist kein Zuckerschlecken. Immerhin verbringt sie ihre Tage nicht seit dem dritten Lebensmonat in einer Krippe und konnte wenigstens ein bisschen Nestwärme tanken. Was andererseits den Vorteil hätte, dass sie den morgendlichen Abschied bereits kennen würde (dass er Krippenkindern nichts mehr ausmacht, halte ich allerdings für ein Gerücht).

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde es sehr gut, dass sie in den Kindergarten geht, weil ich davon überzeugt bin, dass sie von dem Zusammensein mit den anderen Kindern profitieren wird, und wir haben uns die Schule, wie sie hier genannt wird, sehr genau ausgesucht. Es ist eine private Einrichtung, die nach den Vorgaben von Maria Montessori arbeitet. Was im Vergleich zu den staatlichen Betreuungsangeboten (10 Kinder pro Erzieher sind keine Seltenheit, da kann man eigentlich nur noch für Ruhe sorgen) einen gewaltigen Unterschied ausmacht. Kleinere Gruppen, mehr Erzieherinnen, kein Frontalunterricht, keine Disziplinierung.

Trotzdem: Mit zwei Jahren sind die Kinder noch sehr klein und der Abschied von Mama oder Papa ist jeden Morgen auf’s Neue eine Begegnung mit der Urangst des Verlassenwerdens. Besonders schlimm ist es montags (nach dem Wochenende) und donnerstags (weil der Mittwoch frei ist). Und Fritzi hat noch den Vorteil, dass ich sie nach dem Mittagessen wieder abhole. Die meisten bleiben den ganzen Tag dort.

Für die Eltern ist es natürlich toll, dass es all diese Angebote gibt. Und vor allem, dass sich niemand dafür rechtfertigen muss, wenn sie bereits fünf Tage nach der Geburt ihres Kindes wieder arbeitet (so wie unsere Justizministerin hier). Vielleicht könnte die Vergreisung des deutschen Landes mit einer ähnlich elternfreundlichen (denn kinderfreundlich, seien wir doch ehrlich, sieht anders aus) Familienpolitik verhindert werden. Denn was ist praktischer, als Kinder zu bekommen, aber keine Verantwortung tragen zu müssen, weil sie von klein auf den ganzen Tag fremdbetreut werden? Man muss sie nicht bekochen, sie bringen kaum etwas im Haushalt durcheinander und die Freizeitgestaltung findet nur am Wochenende statt. Da fallen einem dann auch zwei bis drei Spiele ein und Werte kann man in der kurzen Zeit eh nicht vermitteln. Super Geschichte!

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang auch, was andere Deutsche, die im Gegensatz zu mir hier arbeiten gehen, berichten: Im Arbeitsleben haben sie u.a. deshalb häufig Probleme, weil französische Angestellte (wenn sie keine Führungskraft sind) nur selten Eigeninitiative zeigen. Sie machen das, was der Chef ihnen sagt – und der will das auch so. Hier werden Aufgaben, aber keine Verantwortung, delegiert. Pro-aktives Handeln ist ein Fremdwort. Wenn man es in Deutschland gewohnt war, selbstständig zu arbeiten, ist man hier ganz schön gekniffen – der Chef weiss alles besser und kann auch alles besser. Und die, in diesem Fall wirklich, Untergebenen finden das gut und machen sich an ihren Auftrag.

Ein Schelm, wer denkt, dass es daran liegt, dass sie bereits als Kleinkinder darauf getrimmt wurden, ihrem Lehrer widerspruchslos zu folgen.

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Entry filed under: tagtäglich, Vive la France.

Lieber ein Ende mit Schrecken… Freundlichkeit ist eine Zier

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