Archive for Januar, 2009

Glory, glory, hallelujah

Letzte Woche gab es wieder einen dieser Tage, an dem ich die Franzosen gerne in einen Sack gepackt und auf den Mond geschossen hätte. Mich nerven die vollgekackten Bürgersteige, weil ich morgens im Dunkeln nicht sehen kann, ob ich mit dem Kinderwagen gerade durchfahre oder nochmal davon gekommen bin. Ich habe genug von rücksichtslosen Autofahrern, Müttern, die mit ihren kleinen Kindern über rote Ampeln laufen, Bussen, die zu spät oder gerne gar nicht kommen. Ich mag die marode Bausubstanz, die zusammen geklebten Ladenfassaden und den Müll, der überall rumliegt, nicht mehr sehen. Und die Sprache kann ich auch nicht mehr hören – geschweige denn sprechen.

Da kam mir dieser Bericht dann gerade recht! Mag sein, dass der Autor sogar in Paris lebt. Viel eher glaube ich aber, dass er zu viele französische Imagebroschüren gelesen hat oder als Lobbyist in Lohn und Brot steht. Zumindest aber arbeitet er in keinem normalen Büro und hat nur sehr begrenzten Zugang zur Pierre-Normal-Familie. Oder er verbreitet wider besseren Wissens ganz einfach das, was viele Deutsche gern über die Franzosen lesen wollen, damit sie sich darin ergehen können, wie gut es denen und wie schlecht es ihnen geht.

Denn auch in Paris wird am Schreibtisch gegessen. Oder im Gehen, während man etwas einkauft. Oder auch gar nicht. Wenn doch, dann wird abends entsprechend länger gearbeitet und man kann durchaus hinterfragen, ob eine schnelle Mittagspause, dafür aber ein Abendessen mit den Kindern nicht auch Motivation sein kann (statt immer nur von den verrohten Sitten in Deutschland zu schwadronieren).

Ja, und dann der „Dimanche Soir“. Wir schön heimelig das klingt! Und auch wäre, wenn es leckere Reste vom Mittagessen gäbe. Ein einziger Blick in einen durchschnittlichen französischen Einkaufwagen genügt, um zu wissen, dass wohl auch das „Dimanche Dejeuner“ in erster Linie aus Resten besteht – wenn auch industriell zu einem gesamten Mahl verarbeitet. Wie sieht wohl ein Reste-Essen aus Fertiggerichten aus? Genau!

Wie wäre es, wenn der Autor mal auf die Idee käme, den Leckereien der deutschen Küche zu frönen? Dann würde er z.B. merken, dass mit Sauerkraut, Schweinshaxe und Linseneintopf beliebte französische Gerichte auch anderswo hervorragend zubereitet werden.

Mir jedenfalls geht die Glorifizierung alldessen was französisch ist gehörig auf die Nerven.

PS: Vielleicht warte ich jetzt einfach mal besseres Wetter, den Gewinn der Sofort-Rente oder die Wahl der Dschungelkönigin ab, bis ich wieder etwas schreibe. Das hebt die Stimmung, setzt positive Energien und Blog-Artikel frei!

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24. Januar 2009 at 15:18 Hinterlasse einen Kommentar

Freundlichkeit ist eine Zier

Manches, was ich manchmal sage und schreibe, stösst manchem sauer auf. Aber das kann man ja diskutieren!

Ich bin uneingeschränkt dafür, dass Frauen sich nicht zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen (wobei das Thema Karriere nicht einmal für Frauen ohne Kind ein Selbstgänger ist). Dazu gehört z.B., dass Kinderbetreuung nicht mehr ausschliesslich oder größtenteils Muttersache ist, sondern auch die Väter zu gleichen Teilen daran partizipieren. Es muss flexible Arbeitszeiten für beide Eltern und vielfältige Betreuungsangebote für die Kinder geben. Finanzielle Unterstützung spielt sicher eine Rolle, ist meiner Meinung nach aber nicht ausschlaggebend. Soviel zu einer frauen- und damit elternfreundlichen Familienpolitik.

Eine kinderfreundliche Familienpolitik sieht für mich anders aus. Kinder brauchen ihre Eltern – nicht nur am Wochenende. Und Kinder brauchen auch Förderung. Die können sie aber nur in einer qualitativ hochwertigen Betreuung bekommen. Eine Erzieherin, die 10 oder gar 15 Kinder gleichzeitig betreut, kann das niemals leisten. Kindern ist nicht damit geholfen, dass es einen Rechtsanspruch auf Betreuung gibt, den Eltern schon und das ist ein Unterschied.

Ich wehre mich dagegen, dass deutsche Mütter immer dann leuchtende Augen bekommen, wenn sie hören, dass ich in Frankreich lebe. Oh, wie kinderfreundlich das Land sei und oh, wie toll das Betreuungsangebot.
Kinder finden im öffentlichen Leben kaum statt. Diejenigen, die Eltern sind, verbringen die meiste Zeit ohne ihre Kinder. Am Wochenende treffen sie dann aufeinander und man sieht die Väter, die ihre Kinder an den Ohren vom Spielzeugregal im Supermarkt wegziehen und die Mütter, die ihren Kindern eine Süssigkeit aus der Hand schlagen und sie dabei anschreien. Kinderfreundlich?

Natürlich ist es für die Kinder immer noch besser, mehr schlecht als recht aber immerhin betreut zu werden, statt allein mit einer restlos überforderten und von niemanden unterstützten Mutter zu Hause zu sein. Aber kinderfreundlich?

Und wirklich frauenfreundlich sind übrigens auch die Franzosen nicht, denn auch wenn arbeitende Mütter voll anerkannt sind, werden die nicht arbeitenden Mütter nicht für voll genommen. Und die Kinder zur Schule, zum Turnen oder in die Musikschule zu bringen, ist auch hier immer noch Muttersache.

23. Januar 2009 at 14:40 Hinterlasse einen Kommentar

Widerstand zwecklos

Kriege, Krisen, Katastrophen – die Weltnachrichten sind dieser Tage voll von Hiobsbotschaften. Bei uns gibt es dementsprechend nur ein Thema: Kindergarten.

Fritzi hat im Dezember ihr zweites Lebensjahr vollendet und damit die Reife erlangt, einen französischen Kindergarten zu besuchen. Auch wenn ich es nicht hoffe, kann es immer noch passieren, dass ihr Ernst des Lebens mit sechs Jahren in einer französischen Schule beginnt. Darauf muss man sich vorbereiten, das ist kein Zuckerschlecken. Immerhin verbringt sie ihre Tage nicht seit dem dritten Lebensmonat in einer Krippe und konnte wenigstens ein bisschen Nestwärme tanken. Was andererseits den Vorteil hätte, dass sie den morgendlichen Abschied bereits kennen würde (dass er Krippenkindern nichts mehr ausmacht, halte ich allerdings für ein Gerücht).

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde es sehr gut, dass sie in den Kindergarten geht, weil ich davon überzeugt bin, dass sie von dem Zusammensein mit den anderen Kindern profitieren wird, und wir haben uns die Schule, wie sie hier genannt wird, sehr genau ausgesucht. Es ist eine private Einrichtung, die nach den Vorgaben von Maria Montessori arbeitet. Was im Vergleich zu den staatlichen Betreuungsangeboten (10 Kinder pro Erzieher sind keine Seltenheit, da kann man eigentlich nur noch für Ruhe sorgen) einen gewaltigen Unterschied ausmacht. Kleinere Gruppen, mehr Erzieherinnen, kein Frontalunterricht, keine Disziplinierung.

Trotzdem: Mit zwei Jahren sind die Kinder noch sehr klein und der Abschied von Mama oder Papa ist jeden Morgen auf’s Neue eine Begegnung mit der Urangst des Verlassenwerdens. Besonders schlimm ist es montags (nach dem Wochenende) und donnerstags (weil der Mittwoch frei ist). Und Fritzi hat noch den Vorteil, dass ich sie nach dem Mittagessen wieder abhole. Die meisten bleiben den ganzen Tag dort.

Für die Eltern ist es natürlich toll, dass es all diese Angebote gibt. Und vor allem, dass sich niemand dafür rechtfertigen muss, wenn sie bereits fünf Tage nach der Geburt ihres Kindes wieder arbeitet (so wie unsere Justizministerin hier). Vielleicht könnte die Vergreisung des deutschen Landes mit einer ähnlich elternfreundlichen (denn kinderfreundlich, seien wir doch ehrlich, sieht anders aus) Familienpolitik verhindert werden. Denn was ist praktischer, als Kinder zu bekommen, aber keine Verantwortung tragen zu müssen, weil sie von klein auf den ganzen Tag fremdbetreut werden? Man muss sie nicht bekochen, sie bringen kaum etwas im Haushalt durcheinander und die Freizeitgestaltung findet nur am Wochenende statt. Da fallen einem dann auch zwei bis drei Spiele ein und Werte kann man in der kurzen Zeit eh nicht vermitteln. Super Geschichte!

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang auch, was andere Deutsche, die im Gegensatz zu mir hier arbeiten gehen, berichten: Im Arbeitsleben haben sie u.a. deshalb häufig Probleme, weil französische Angestellte (wenn sie keine Führungskraft sind) nur selten Eigeninitiative zeigen. Sie machen das, was der Chef ihnen sagt – und der will das auch so. Hier werden Aufgaben, aber keine Verantwortung, delegiert. Pro-aktives Handeln ist ein Fremdwort. Wenn man es in Deutschland gewohnt war, selbstständig zu arbeiten, ist man hier ganz schön gekniffen – der Chef weiss alles besser und kann auch alles besser. Und die, in diesem Fall wirklich, Untergebenen finden das gut und machen sich an ihren Auftrag.

Ein Schelm, wer denkt, dass es daran liegt, dass sie bereits als Kleinkinder darauf getrimmt wurden, ihrem Lehrer widerspruchslos zu folgen.

16. Januar 2009 at 16:30 Hinterlasse einen Kommentar


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