Kinderschreckse

22. Juli 2008 at 15:20 4 Kommentare

Wie schon angedeutet, haben wir vor ein paar Wochenenden wieder einmal das Tor zur Welt besucht. Mal ganz abgesehen davon, dass es am ersten Tag (der zum Einkaufen bestimmt war) ununterbrochen regnete, Fritzi und ich nur Sandalen – und keinen Schirm – dabei hatten und Air France den Kinderwagen in Paris stehen ließ, musste ich außerdem die Erfahrung machen, dass ich offensichtlich dem deutschen Mutter-Feindbild wie aus dem Gesicht geschnitten bin.

Denn tags darauf wurde ich doch tatsächlich verdächtigt, mein Kind in der Sonne, die zum Glück wieder schien, allein im Auto schlafen zu lassen. Statt zu erwidern, dass sie hupen würde, wenn es ihr langweilig sei, fing ich doch glatt an, mich zu verteidigen (wobei es nix zu verteidigen gab, denn erstens war Gerold bei Fritzi und zweitens fragt man vielleicht mal nach, bevor man anklagt).

Zwei Tage später puhlte die jugendliche Rezeptionistin unseres Hotels mit ihren langen Fingernägeln noch einmal in meiner Wunde rum. Ob ich mein Kind in der Empfangshalle einfach so stehen lassen wolle – wollte ich nicht, sondern nur den Kinderwagen. Hallo, jemand zu Hause?

Scheinbar stehen Mütter in Deutschland mittlerweile unter Generalverdacht – nicht nur, dass wir unsere Kinder nicht adäquat betreuen; nein, wir setzen sie wahlweise auch noch aus oder bringen sie gleich direkt um. Dann doch lieber einmal pro Woche in die USA einreisen – da wird man wenigstens nur wie ein Terrorist behandelt.

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Entry filed under: on the road again, tagtäglich.

Twix heißt wieder Raider Hamsterfahrt

4 Kommentare Add your own

  • 1. Miriam  |  23. Juli 2008 um 21:32

    Ich persönlich kann die heutigen dünnheutigen Mütter nicht so richtig verstehen. Unsere Generation, alle mit erwachsenen Kindern und inzwischen Enkelkindern, hat fast ausnahmslos gearbeitet und mitverdient. Ich wüßte nicht, dass eine von uns sich dadurch von den Mitmenschen diffamiert gefühlt hätte. (Zum Thema *Rabenmütter*)Und
    über Bemerkungen oder Reaktionen, wie oben beschrieben, hätte ich mich nie angegriffen gefühlt. Lieber fragt einmal Jemand zuviel und ich kann ihn aufklären (Kind im Auto) als dass irgend etwas passiert:
    Die ganzen Diskussionen in den Medien läßt die Menschen über-
    reagieren. In Zukunft das Ganze einfach gelassener nehmen
    und nicht von vornherein alles auf die Goldwaage legen. Denn es läßt für Kindern auch in Deutschland gut leben.

    Antwort
  • 2. Nicole  |  24. Juli 2008 um 11:10

    Hallo Miriam,

    wie Du schon schreibst: Du und die Frauen Deiner Generation, Ihr habt „mitverdient“. Dieser Entwicklungsstand ist mehr oder minder gesellschaftlich akzeptiert und genau der, den wir – ich und die Frauen meiner Generation – gerne hinter uns lassen würden. Uns geht es um die „Vereinbarkeit“ von familiärer und beruflicher Karriere. Und wenn wir trotz Kind weiterhin Abteilungsleiterin sein wollen, dann möchten wir nicht die xte Studie zum Thema „Werden Krippenkinder Amokläufer?“ lesen. Oder von weiß-blauen Reaktionären mit der Herdprämie für dumm verkauft werden. Auch von blonden Ex-Tagesschausprecherinnen, Politikergattinnen und deren Gefolgschaften, die uns unsere wahre Bestimmung einbläuen wollen, haben wir die Nase voll.

    Bliebe noch die „Nachfrage“: Gäbe es in Deutschland eine ausgeprägte Kultur der Zivilcourage, niemand würde je ein Wort darüber verlieren. Doch dem ist nicht so. Wir fragen nach, wenn wir sicher sind, dass es nichts ernstes ist. Feiert unser Nachbar seinen Geburtstag im Garten, rufen wir ob der Ruhestörung ohne mit der Wimper zu zucken die Polizei. Schlägt derselbe Nachbar Frau und/oder Kind, ziehen wir die Vorhänge zu. Kommt es dann zum Showdown, haben wir nichts bemerkt – die Familie lebte ja sehr zurückgezogen, man hat sich zwar gegrüßt, so gut erzogene Kinder…

    Man kann in jeden Land gut leben, wenn man den ausgetretenen Trampelpfad nicht verlässt, nicht nur in Deutschland und nicht nur mit Kindern.

    Viele Grüsse, Nicole

    Antwort
  • 3. Miriam  |  7. August 2008 um 19:46

    Um meinen Kommentar zu ergänzen, ich habe vor der Geburt meiner Tochter und auch danach den vielseitigen und gut dotierten Job der Sekretärin der Geschäftsleitung eines mittelständischen Unternehmens mit 400 Mitarbeitern ausgeübt, den ich mir hart erarbeitet habe, bin also auch hautpsächlich aus Freude an meinem Beruf weiter arbeiten gegangen. Natürlich war es öfters
    schwierig, berufliche und familiäre Erfordernisse in Einklang zu bringen, aber letztendlich hat es geklappt und ich habe selten negatives Feedback bekommen.

    Nach meiner ganz persönlichen Meinung ist diese Empfindlichkeit von berufstätigen Frauen auch ein bisschen auf das eigene schlechte Gewissen dem Kind gegenüber zurück zu führen.
    Ich kenne das aus meiner Erfahrung, z. B. wenn man das Kleine morgens abgeben muss, wenn es eigentlich die Mutter brauchen würde. Das ist es, was mich oft viel mehr berührt hat, als irgendein dummer Kommentar es je gekonnt hätte. Und das Gefühl, dass ich eine wichtige Entwicklungsphase meines Kindes verpasse.

    Ich vergesse nie den einen Satz meiner Tochter, als sie 10 Jahre alt war ,ein Schulwechsel anstand und ich nach 25 ununterbrochenen Berufsjahren beschlossen habe, ich höre auf. Mama, sagte sie, du weißt gar nicht, wie toll das ist, wenn ich nach Hause komme und d u bist da. Ihr hat es viel bedeutet, dass die Mama jetzt zu Hause war. Würde man die Kinder fragen, wünschten sich wohl 90% dasselbe. Auch mein Mann, der zuerst skeptisch war, ob mir das auf Dauer gefallen würde, der mich bisher nie als Heimchen am Herd gesehen hatte, war irgendwann richtig zufrieden. Ich muss gestehen, ich habe trotz Hausfrauendasein die folgenden Jahre genossen.

    Berufe, die es einer Frau ermöglichen, auf Jahrzehnte hinaus gleichbleibend gerne das Familienleben an 2. Stelle stehen zu lassen -und das ist unerläßlich, je größer die Karriere- sind dünn gesät.

    Zu diesem komplexen Thema habe ich heute in unserer Tageszeitung folgenden interressanten Artikel gelesen:* Der Glanz der Supermamas verblasst* Immer mehr Briten sind der Ansicht, die Doppelbelastung der Mutter schadet der Familie, Studie macht Schluß mit einem Mythos. Um nur kurz zu zitieren: Die Briten kehren dem größten Lebenstraum vieler Frauen den Rücken. Immer mehr Familien sind mittlerweile der Meinung, dass ihr Miteinander und Glück leidet, wenn Mütter berufstätig sind……….und das aus einem Land, dessen Arbeitsmarkt Müttern -im Gegensatz zu Deutschland- die besten Chancen bietet und die uns auf diesem Gebiet weit voraus sind.

    Ob z.B. Amerikaner oder Canadier mehr Zivilcourage zeigen, wage ich zu bezweifeln. Und dass Kinder in D so gut wie nichts dürfen, ist genau so überzogen, wie die Behauptung, dass z. B. die Franzosen immer locker sind. Wer wie ich an der Grenze zu Frankreich lebt und dort gute Bekannte hat, kann das schon etwas beurteilen.

    Ich finde es ehrlich gesagt, auch vermessen, alle Menschen in D über einen Kamm zu scheren, als eine Nation der rachsüchtigen, humorlosen, duckmäuserischen aber trotzdem hinterf… Nachbarn und Mitmenschen abzustempeln, wie es oft und gerne dargestellt wird. Ich frage mich dann immer, wo leben eigentlich diese bedauernswerten Menschen mit diesen schrecklichen durchweg negativen Erfahrungen. Es gibt sehr wohl nette, äußerst hilfsbereite und freundliche Nachbarn, die bei Lärm nicht gleich die Polizei holen, sondern einfach mitfeiern und die auch mit den jungen Familien eine tolle Gemeinschaft bilden, in der es sich gut leben läßt und Einer für den Anderen da ist.

    Ganz ehrlich…hätte ein Franzose auf das Kind im Auto aufmerksam gemacht…ja dann…wäre die Beurteilung sicherlich eine Andere gewesen oder?

    Viele Grüße zurück
    Miriam

    P.S. Ich habe übrigens auch nahe Vewandte in Canada, mit welchen ich in regelmäßigem Kontakt stehe und die seltsamerweise ähnliche Klagen haben, wie wir Deutschen, was z.B das Miteinander der Menschen betrifft, obwohl das die ausgewanderten Deutschen gannnzzz anderst sehen :-))

    Antwort
  • 4. Nicole  |  8. August 2008 um 14:59

    Hallo Miriam,
    wir damals, ihr heute – wir heute, ihr damals… Ehrlich gesagt finde ich solche Diskussionen, wenn die unterschiedlichen Standpunkte einmal ausgetauscht sind, ziemlich sinnlos, weil nicht zielführend. Und auch traurig, zumindest wenn noch nicht einmal Frauen an einem Strang ziehen können. Freu‘ Dich doch einfach darüber, dass Dich nie jemand schief angeguckt hat und unterstütze diejenigen, die leider andere Erfahrungen machen müssen.
    Doch einmal abgesehen von der unerfreulichen Unsolidarität unter Frauen, zeigt mir Dein Widerspruchsgeist, wenn es um die deutschen Tugenden geht, dass durchaus noch Hoffnung besteht. Weiter so! In der Zwischenzeit hätte ich Dir gerne Blogs empfohlen, die politisch korrekt über Deutschland, Kanada, Frankreich und den Rest der Welt berichten – leider kenne ich keine. Liegt vielleicht daran, dass mich die Lektüre langweilen würde.

    Ein schönes Wochenende, Nicole

    PS: Natürlich wäre es etwas anderes gewesen, wenn ein Franzose versucht hätte, mein Kind vor dem nicht drohenden Hitzetod zu bewahren – ich hätte ihn nämlich nicht verstanden.

    PPS: Ich habe den Ausdruck „hinterf…“ abgekürzt. Zum einen möchte ich mir ersparen, deswegen mit Spams zugemüllt zu werden und zum anderen weiß trotzdem noch jeder, was Du gemeint hast.

    Antwort

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