Mittendrin statt nur dabei

30. August 2007 at 05:35 Hinterlasse einen Kommentar

Ich sehe es schon vor mir: Eines schönen Tages hat Fritzi es satt, dass der dicke Angeber in ihrem Kindergarten immer die biologisch-dynamischen Müsliriegel der Anfänger klaut (seine Mutter hat ihn auf Diät gesetzt) und gibt ihm ordentlich eins auf die Nase. Auch wenn den Dickwanst keiner leiden kann, nicht einmal die Erzieherinnen, werde ich zum Rapport in den Kindergarten bestellt, denn der Vater von dem Großmaul ist der Freund des Bürgermeisters (und die regierende Klasse gilt noch was in Frankreich – eine Erzieherin hat Fritzi dennoch heimlich vom Tisch abräumen an diesem Tag befreit, soviel ziviler Ungehorsam muss sein).

Ich komme also in den Kindergarten und höre mir die Standpauke interessiert an. Leider verstehe ich so gut wie kein Wort, Fritzi muss mir übersetzen, ich bekomme trotzdem nur die Hälfte von dem mit, was die Erzieherin sagt, weil Fritzi das schlimmste natürlich weglässt und die ganze Angelegenheit ist allen Beteiligten ziemlich peinlich.
Und was mich am meisten schockiert, ist, dass ich allmählich so etwas wie Verständnis für all die Türken entwickele, die seit Jahren in Deutschland leben und immer noch kein Deutsch sprechen. Wir sind nicht besser. Zwar hatte ich in der Schule französisch, beherrsche davon aber maximal nur noch Bruchteile. Gerold hat einen Lehrer, der zu ihm ins Büro kommt, macht aber nur schleppend Fortschritte. Und aus unserem Vorsatz, abends gemeinsam zu lernen, ist außer einem schlechten Gewissen nicht viel geworden. Wir gucken deutsches Fernsehen, lesen deutsche Zeitungen und Zeitschriften, freuen uns über deutsche Produkte in den Läden (oder wenigstens englische Zutatenlisten), gehen zur deutschen Krabbelgruppe und haben uns in den letzten fünf Monaten eine eigene kleine Welt gebaut, die mit Integration nicht viel zu tun hat.

Wie heißt es so schön: Runter vom Sofa, rein in die Kneipe! In unserem Falle: Raus aus der Bude, rein ins Leben! Sonst kehren wir in einigen Jahren nach Deutschland zurück und haben das französische Leben bestenfalls oberflächlich kennengelernt – wäre doch schade drum.

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Entry filed under: tagtäglich, Vive la France.

Plagegeister Schuldig

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