Zu Gast bei den Newfies, Teil 2

1. September 2006 at 09:04 2 Kommentare

Der fünfte Tag führte uns durch den Nebel, vorbei an mehreren grasenden Caribous nach Cape St. Mary’s – einem bedeutenden Brutplatz für Gannets. Der Felsen, auf dem sie alle hocken, wird im Volksmund auch Condominium genannt. Ich war für das windige und feuchte Wetter sehr dankbar, denn bei Sonnenschein wäre der Gestank der Viecher sicherlich unerträglich gewesen. Dass sich ihre Füsse nicht auflösen, grenzt an ein Wunder und wonach wohl die Fische schmecken, die unten im Wasser leben… Trotzdem war es wieder einmal ein beeindruckender Anblick, der durch die Steilküste und das unwirtliche Wetter nur noch verstärkt wurde.
Abends fanden wir ein Zimmer mit Meerblick (sonst gibt es auch nix Gutes dazu zu sagen) und sehr nette Nachbarn, die uns den Abstecher auf die Bonavista Peninsula ebenfalls sehr ans Herz legten. Sie hatten auch gleich einige Tipps zu Sehenswürdigkeiten und Unterkünften parat und so packten wir am sechsten Tag (nach einem fetthaltigen Frühstück in der lokalen Gaststätte) unsere Siebensachen und machten uns auf den Weg zum Terra Nova Nationalpark.

Als wir den Trans Canada Highway erreichten, der übrigens in St. John’s beginnt (oder endet, wie man’s sieht), fand Gerolds Blackberry auch endlich sein Netz wieder. Nicht dass wir es seit St. John’s sonderlich vermisst hätten, es ist mittlerweile nur einfach komisch, in Gegenden ohne Empfang unterwegs zu sein (das ist uns das letzte Mal, glaube ich, in Indien passiert).
Und während die e-mails eintrudelten und wir uns über die glatte Fahrbahn freuten, sahen wir endlich unser erstes Moose. Direkt neben dem TCH, Kuh und Kalb, gemütlich kauend. Weder unsere Vollbremsung, noch die Rückwärtsfahrt brachten sie aus dem Konzept. Erst als ich ausstieg, schlugen sie sich wieder in die Büsche.
Am Nachmittag durchquerten wir den Terra Nova Nationalpark (warum die Kanadier ihre Highways immer mitten durch solche Parks bauen, ist mir ein Rätsel). In Traytown fanden wir eine hübsche Unterkunft, sauber, hell eingerichtet, mit kleiner Kochecke und Gasgrill auf der Veranda (die Honeymoon Suite, die auch frei war, hatte zwar einen Whirlpool neben dem Bett stehen, war aber für eine Nacht doch ein wenig dekadent). Wir richteten uns schnell ein und fuhren nach Salvage, einem kleinen Fischendorf, in dem die Strasse endet und die Welt noch in Ordnung ist.
Und Salvage war in der Tat der schönste Ort, den ich auf dieser Reise gesehen habe. Die Häuser, alle weiß gestrichen, waren um die Bucht herum gebaut; die Bootsschuppen, rot angemalt, standen auf Stelzen im Wasser. Überall lagen die Käfige zum Hummer- und Krebsfang herum. Es gab einen kleinen Hafen und einen Hügel mit einem Aussichtspunkt über das malerische Dorf. Sehr selten störte ein Auto oder Motorboot die Stille, die meiste Zeit hörten wir nur Wellen, Möwen und – nichts.

Am siebten Tag soll man eigentlich ruhen, aber da es kein Sonntag war, machten wir morgens auf eine kleine Wanderung im Terra Nova Nationalpark (nachdem wir eine Tageskarte gekauft hatten, was die Leute in dem Souvenirladen völlig aus dem Konzept brachte – wahrscheinlich sind wir die einzigen, die in diesem Jahr so eine Karte gekauft haben). Es hing auf einen Rundlauf von 4 km, der auch an einem Aussichtspunkt vorbeiführte, von dem man einen atemberaubenden Blick auf die weite Landschaft ringsum hatte. Obwohl die Blaubeeren nun richtig reif waren, haben nur viele davon und zum Glück keinen Bären gesehen. Ich bin mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass, wenn ich wirklich einmal einen sehen muss, ich das nur möchte, solange ich in einem Auto sitze. Ich würde ansonsten bestimmt wegrennen wollen und das soll man ja nicht und dann wird es kompliziert.
Mittags starteten wir zu einer Bootstour, auf der wir natürlich wieder keine Wale sahen, aber dafür Adler (Weisskopfseeadler). Einen konnte unser Bootsführer mit einem gefrorenen Hering zu einer kleinen Vorführung überreden und das war schon sehr beeindruckend. Nie hätte ich damit gerechnet, einmal Adler in ihrem natürlich Lebensraum zu sehen.
Nach der Bootsfahrt ging es weiter nach Trinity, einem Ort der aussieht wie eine Puppenstube. Die alten Häuser sind weitestgehend erhalten, viele kann man besichtigen und die Menschen laufen dort in den Kostümen alter Kleidung herum. Ganz nett, aber auch irgendwie künstlich. Trotzdem außerordentlich beliebt, denn hier machten wir das erste Mal die Erfahrung, dass tatsächlich kein Zimmer mehr zu bekommen war. Am Ende rief die freundliche Dame von der Rezeption unserer Wunschunterkunft eine andere Frau aus dem Dorf an, die Ferienhäuser vermittelt. Sie hatte zwar eins frei, das war aber noch nicht ganz fertig. Wir vermuteten schon das Schlimmste, tatsächlich fehlten aber nur zwei Closettüren im Flur, das Geländer der Veranda und es lag ein bisschen Werkzeug herum. Ansonsten war es wohl die luxuriöseste Unterkunft, die wir während des Urlaubs hatten und dazu auch noch wirklich hübsch eingerichtet. Die Abwicklung unseres Geschäftes erinnerte ein bisschen an Schwarzmarkt. Wir gaben ihr das Geld, sie schrieb uns ihren Namen und ihre Telefonnummer für den Notfall auf den Schnipsel unserer Bordkarte und den Schlüssel sollte wir am nächsten Tag einfach im Haus liegen lassen.
Abends waren wir im Fisher’s Loft Inn (unserer Wunschunterkunft) essen, sehr stilvoll und lecker und eine willkommene Abwechslung nach der doch sehr fritteusehörigen neufundländischen Küche.

Am vorletzten Tag unserer Rundreise schauten wir uns das Filmset von „Random Passage“ an, einer Serie über das Leben von Siedlern in einem winzigen Fischerhafen ab 1800. Die Erzählungen der Reiseführerin waren so interessant (und ihr Akzent zum Glück wenig ausgeprägt), dass wir uns auch gleich die DVD gekauft haben.
Am Nachmittag ging es zurück nach St. John’s (wieder mit Moosebegegnung und diesmal genug Zeit, um einige Fotos zu machen) und zum zweiten Mal standen wir vor dem Problem, dass kein Zimmer zu bekommen war. Selbst das Delta war mit seinen 403 Zimmern ausgebucht. Zum Glück kennen sich die B & B-Betreiber untereinander und so bekamen wir letztendlich ein sehr hübsches Zimmer in einem wunderschönen viktorianischen Haus, wo wir vorher vergeblich geklingelt hatten.

Freitagmittag machten wir uns auf die Heimreise nach Toronto. Die Bordkarten werden in St. John’s noch mit der Hand geschrieben, die Koffer bekommen bunte Anhänger und keine Strichcodelabel. An den Sicherheitsvorkehrungen hatte sich nichts geändert, aber diesmal war ich mit Labelloscheiben zwischen meinen Tempotaschentüchern vorbereitet. Wieder in heimischen Gefilden, brachte uns ein schweigsamer indischer Taxifahrer nach Hause und allein auf der Fahrt vom Flughafen nach Hause sahen wir weit mehr Autos und Menschen, als während unserer ganzen Rundfahrt.

Fazit: Ich weiß nicht, ob ich von Deutschland aus jemals nach Neufundland gereist wäre, aber wenn man schon einmal hier ist und die Zeit hat, ist es eine Reise unbedingt wert. Nicht nur die Natur und die Tiere beeindrucken, auch die Freundlichkeit der Menschen. Man mag sich gar nicht vorstellen, dass sie Seehunde zu Tode knüppeln und wünscht sich mehr Touristen, die irgendwann vielleicht mal eine Alternative darstellen.

PS: Die Dateien unserer Fotos sind zu gross, um sie hochzuladen, und ich habe noch nicht rausgefunden, wie ich sie verkleinern kann.

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Entry filed under: on the road again.

Zu Gast bei den Newfies, Teil 1 Bärenbesuch

2 Kommentare Add your own

  • 1. Marc  |  1. September 2006 um 09:33

    Bei Googles kostenloser Software Picasa (http://picasa.google.com) kann die Exportfunktion eine gewähle Bildergruppe automatisch in eine neue Zielgröße skalieren.

    Ich habe den Blog im Mai kurz vor unserer Reise durch Ostkanada entdeckt und lese ihn seitdem täglich. Danke für die interessanten und ironischen Einblicke ins Leben vor Ort.

    ~M

    Antwort
  • 2. nicole und andreas  |  1. September 2006 um 15:34

    hallo Schnucki, Du wirst immer besser. Es ist eine WONNE deine Berichte und witzigen Kommentare zu lesen! Fuehl Dich und euch gedrueckt und gekuddelt! Haste meine mail gekriegt? Ich habe Deine me-mail-Adresse zuhause nicht- oder? Schick mal bitte. Baci! Nicole

    Antwort

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