Archive for September, 2006

Zechtour

Seit Donnerstag haben wir einen Gast aus Deutschland zu Besuch (der natürlich einen Koffer voll heiß ersehnter Mitbringsel dabei hatte) und nach einem ruhigen Bloor Street-Freitagsbummel zum Eingewöhnen standen am Samstag Kensington Market, Chinatown und Grossman’s auf dem Programm – meine Favoriten unserer Toronto-für-Gäste-Tour. Das Wetter war herrlich und es gab eine Menge schräger Leute zu begucken.
Die notwendige Stärkung, um den Auftritt der Happy Pals (die sage und schreibe bis 21:00 aufspielten, Polonaise inklusive) unbeschadet zu überstehen, holten wir uns bei leckeren Dim Sum – wie immer hatten wir auch diesmal wieder einige Überraschungen bestellt.

Am Sonntag ging’s dann zum Weinfest nach St. Catharines. Gerold und ich waren schon mit gemischten Gefühlen unterwegs, denn die Feste, die wir hier bisher erlebt hatten, waren doch meist ziemliche Flops. Aber was tut man nicht alles für seine Gäste.
Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Weinfest war richtig schön. Auf einer großen Wiese hatten sie an drei Seiten Pavillons aufgebaut, wo man die unterschiedlichen Weine der regionalen Weinbauern probieren oder auch etwas essen konnte. An der vierten Seite befand sich eine Bühne für Live-Musik und in der Mitte stand ein grosses Zelt, ohne Seitenwände, in dem Tische und Stühle aufgebaut waren. Sehr stilvoll und durchdacht und kein grosses Kuddelmuddel, wie wir es aus Toronto kennen. Es scheint, dass nur die Torontonians ein bisschen Nachhilfe in Sachen Feiern gut gebrauchen könnten.
Außerhalb der Festwiese gab es einen kleinen Markt, wo man allen möglichen Schnick-Schnack kaufen konnte und einen Bereich zur Kinderbelustigung mit Hüpfburgen.
Nach einigen Gläsern Wein auf den Geschmack gekommen, fuhren wir weiter Richtung Niagara-on-the-Lake, um eine Weinkellerei zu besichtigen. Die erste, die wir ausgesucht hatten, war ein ganz kleiner Betrieb namens Maleta und man konnte ’nur‘ probieren (das allerdings gratis) und sich die verschiedenen Weine erklären lassen. Später führte uns der sehr freundliche Weinbauer aber doch noch durch seine Reben und hat uns eine ganze Menge über seine Weine erzählt.
Dann sind wir zu einer wesentlich kommerzielleren Kellerei gefahren, die auch eine Besichtigungstour im Programm hatte. Sehr interessant, aber die Produktion konnten wir dort ebenfalls nicht sehen. Dafür gab es wieder reichlich zu probieren und der Eintrittspreis war gleichzeitig ein Gutschein für den angeschlossenen Laden.
Niagara-on-the-Lake haben wir dann leider nicht mehr geschafft, aber auch so war es ein abwechslungsreiches Wochenende, an dem selbst wir zwei ‚alte Hasen‘ viele neue Eindrücke gewonnen haben.

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26. September 2006 at 11:03 Hinterlasse einen Kommentar

Image ist alles

Immerhin 70% der Deutschen haben verstanden, dass Neo-Nazis in deutschen Parlamenten nicht unbedingt imagefördernd sind. Ob daraus auch folgt, dass sich zukünftig mehr Menschen gegen die braunen Kameraden engagieren werden, bezweifle ich mal stark.
Zumindest in Kanada wird der befürchtete Imageverlust wohl ausbleiben, weil hier schlicht keiner mitbekommen hat, dass überhaupt etwas passiert ist. So sehr ich auch bei CBC, Citynews, Toronto Star und Globe and Mail gesucht habe, ich bin nur bei der Globe and Mail fündig geworden und der Bericht ist eher ein Dreizeiler als besorgniserregend.
Und als wir am Montagabend im Baumarkt waren (diesmal bei Rona) und ich auf deutsch mein Kleingeld abzählte, fragte mich die Kassiererin gleich, woher ich käme und fand „Oh, Germany? That’s cool!“. Was daran so cool ist, konnte sie zwar nicht sagen, ist aber eigentlich auch egal, oder?

22. September 2006 at 17:56 Hinterlasse einen Kommentar

Im Osten geht die Sonne auf

Gestern Abend waren wir Poutine essen im Baumarkt. ‚Unser‘ Home Depot (eine amerikanische Baumarktkette, Slogan „You can do it. We can help.“) verfügt als grosses Plus über einen integrierten Harvey’s. Andere Home Depots haben ihre Harvey’s ganz stiefmütterlich im Ausgangsbereich untergebracht, unserer dagegen befindet sich mittendrin im Geschehen. So können wir voller Genuss in Sauce ertränkte Fettstäbchen lutschen und dabei den mehr oder minder motivierten Heim- und Handwerkern beim Einkaufen zuschauen.

Unserem Tisch gegenüber war ein „Bath in a Box“ aufgebaut, was offensichtlich ein Badezimmer-Set darstellte, denn das Angebot bestand aus einer einteiligen Toilette, einem Waschbecken mit Unterschrank und einer Duschkabine mitsamt Tür, Seiten- und Rückwand. Das Ganze runtergesetzt von 1299,- auf 999,- $ (+ Tax). So weit, so gut. Stutzig machte uns nur der Zusatz „Eurokit“. Bis jetzt ist mir nicht ganz klar, was es damit wohl auf sich hat. Vielleicht ist das der Herstellername und dieser kommt wiederum aus Polen, denn „european“ ist hier eigentlich das Synonym für „polish“. Polnische Restaurants werden eher selten als solche bezeichnet, sondern schmücken sich vorzugsweise mit dem Zusatz „European Restaurant“ oder bieten „european cuisine“ an (was immer das sein mag). Der polnische Möbelladen in der Nähe vom polnischen Supermarkt (mit Namen „Starsky“) heißt deshalb auch folgerichtig „European Furniture“. Vielleicht hat Home Depot aber auch nur seine polnischen Kunden im Blick (viele Polen sind hier Handwerker oder umgekehrt), weiß, dass sie die wahren Europäer sind und dass ein „Eurokit“ bei ihnen besser ankommt als ein „Polakit“. Auf jeden Fall hat sich ein älteres Ehepaar sehr für das „Bath in a Box“ interessiert und die zwei sprachen definitiv kein Englisch miteinander. Gekauft haben sie es (noch) nicht.

20. September 2006 at 16:26 Hinterlasse einen Kommentar

Shocking

Im Jahre 2005 wurden in Deutschland 686.000 Kinder geboren, in Kanada waren es zwischen dem 01.07.2004 und dem 30.06.2005 338.000. Während die Geburtenrate in Deutschland sinkt, steigt sie hier an. Vielleicht deshalb, vielleicht aber auch weil die konservative Regierung bisher keine Zeit dazu hatte, ist eine Verschärfung des Abtreibungsrechts noch nicht im Gespräch. Dass die Konservativen keinen Vorstoß in diese Richtung unternehmen werden, glaubt allerdings keiner.

Abtreibungen wurden in Kanada 1988 legalisiert und sind seitdem ohne rechtliche Einschränkungen erlaubt. Die staatliche Krankenversicherung übernimmt die Kosten. Dennoch gibt es immer wieder Provinzen, die Abtreibungen in privaten Kliniken verbieten bzw. die Kosten dafür nicht übernehmen wollen (aktuelles Beispiel ist New Brunswick – das letzte Krankenhaus, das in dieser Provinz Abtreibungen durchführte, macht das seit diesem Sommer nicht mehr; Abtreibungen in privaten Kliniken werden nicht finanziert).
Trotz der relativen Freiheit sinkt die Abtreibungsrate in Kanada (2002: 15,4%), wie übrigens auch in Deutschland (2002: 7,8%), wo 1996 die Fristenlösung eingeführt wurde. Was die Herren Experten aus Politik und von den Kirchen aber nicht daran hindert, das Thema Spätabtreibung (rund 200 der 124.000 Abtreibungen in 2005) als neuen Teufel in der Deutschland-stirbt-aus-Debatte an die Wand zu malen und vehement Verschärfungen zu fordern. Zum Beispiel ein Herr Hubert Hüppe von (wer weiß es?) der CDU. Der sieht die Frauen im „Diagnoseschock“ und von ihrer Umgebung dazu gedrängt, ihr Kind abzutreiben. Die Schuld an der Misere gibt er aber netterweise nicht den Frauen (die in ihrem Schockzustand ja auch völlig willenlose Wesen sind), sondern der bösen Gesellschaft und der Pränataldiagnostik.

In Kanada gehören regelmäßige Ultraschalluntersuchungen noch nicht lange zum Repertoire der Schwangerschaftsvorsorge und die Schwangeren müssen sogar eine Einverständniserklärung unterschreiben, dass sie über etwaige Nebenwirkungen aufgeklärt wurden. Und trotzdem die Möglichkeiten der Pränataldiagnostik hier nicht so ausgeschöpft werden wie in Deutschland, ist die Abtreibungsrate in Kanada doppelt so hoch.
Aber anscheinend bringen es manche Herren der Schöpfung einfach nicht über’s Herz, den Frauen auch mal die Wahl zu lassen. Und ist es nicht auch so, dass wir Frauen uns eigentlich dauerhaft in irgendwelchen Ausnahmezuständen befinden und es da doch besser ist, wenn gutmeinende Männer objektiv entscheiden, was für unsereins das Richtige ist? Danke!

19. September 2006 at 16:12 Hinterlasse einen Kommentar

Spooky

Während ich in Deutschland schon Dominosteine schlickern müsste, füllen sich hier die Verkaufsauslagen mit Halloween- und Thanksgiving-Artikeln. An das Weihnachtsfest denkt noch keiner; wir feiern erst einmal den Herbst und genießen den Indian Summer.
Als alter Hui Buh-Fan führt Halloween meine Dekorierhitliste unangefochten an und ich kann gar nicht sagen, mit welcher Wonne ich im letzten Jahr das Haus gruselig dekoriert und kleine Tütchen mit Süßigkeiten für die Kinder gepackt habe (sage und schreibe 120 kleine Geister klopften an unsere Tür!). Nur auf fliegende Gespenster und Geräuscheffekte mit Bewegungsmeldern habe ich verzichtet, weil zumindest Mini-Fritz dann nicht mehr unterm Sofa hervorgekommen wäre. Aber in diesem Jahr steht der Baum im Vorgarten sicher genug, dass ich vielleicht dort etwas installieren kann – zusätzlich zu den beleuchteten Totenköpfen und Gebeinen, mit denen ich liebäugle. Herrlich sind auch glow-in-the-dark Fuss- und Handabdrücke, die ich in diesem Jahr auch als Lichterkette gesehen habe.

Am Samstag war es dann endlich soweit und voller Stolz habe ich drei Tüten Grusel-Deko bei Canadian Tire erstanden. Neben Fensterbildern und Pappskeletten in unterschiedlichen Ausführungen auch kleine Kürbis- und Fledermaus-Wegweiser für den Garten, eine gespenstische Tasche und einen freundlich grinsenden batteriebetriebenen Leuchtgeist für’s Fenster.
Natürlich werden das nicht die einzigen drei Tüten bleiben, die Saison fängt ja gerade erst an. Der Ausflug zu einem der vielen Kürbisbauern ist ebenfalls ein Riesen-Spaß und auch in diesem Jahr müssen wir den großen Kürbis käuflich erwerben, weil die Waschbären unseren zwei Prachtexemplaren den Garaus gemacht haben.

18. September 2006 at 10:59 Hinterlasse einen Kommentar

Schnauze voll

Ich bin zwar katholisch, aber bei weitem kein gläubiger Mensch. Dass Papst Johannes Paul II damals in Afrika die Empfängnisverhütung angesichts verhungernder Kinder strikt ablehnte, fand ich zutiefst menschenverachtend. Über die Haltung der Kirche zur Rolle der Frau wäre jedes Wort zuviel, so indiskutabel ist das, was aus Rom dazu verlautet. Und auch wenn ich weiter zurückblicke, finde ich viele Beispiele (Inquisition, Hexenverbrennungen, Missionierung in Südamerika), die mich den Sinn der Institution Kirche in Frage stellen lassen. Ich bin also wahrlich kein Freund der katholischen Kirche.

Nun hat Papst Benedikt XVI eine sehr abstrakte Rede, die eigentlich eine Vorlesung war, auf höchstem theoretischen und theologischen Niveau gehalten und die Reaktion der üblichen Verdächtigen der islamischen Gemeinden dieser Welt ließ nicht lange auf sich warten. Ich bezweifle, dass auch nur einer von ihnen die Rede gelesen und dann auch noch verstanden hat. Denn das würde ja bedeuten, sich mit vermeintlich Andersdenkenden auseinander zu setzen, wobei schnell klar werden würde, dass man es hier mit gar keinem Andersdenkenden zu tun hat. Schon würde das mühsam errichtete Feindbild in sich zusammenbrechen. Also pickt man sich lieber einen Satz raus, versteht den praktischerweise auch noch falsch, bringt die angebliche Propheten-Schelte mit möglichst markigen Worte unters Volk und erfreut sich an dem Hass, den man in diesen Tagen so einfach schüren kann.

Der Chef des staatlichen türkischen Religionsamtes hat seine scharfe Kritik an den Papst-Aussagen aufgrund von Presseberichten formuliert, der stellvertretende Chef der türkischen Regierungspartei AKP hat den Papst mit Hitler verglichen, die ägyptische Moslembruderschaft fordert nach der Entschuldigung aus dem Vatikan eine weitere persönliche des Papstes, im Westjordanland wurden Brandbomen auf Kirchen geworfen.

Mir reicht es mittlerweile. Ich glaube nicht mehr an die Mehrheit der friedliebenden Moslems, von denen man wieder einmal nichts sieht und hört. Stattdessen präsentiert sich eine Religionsgemeinschaft, die man aufgrund ihre Geisteshaltung einfach nicht mehr ernst nehmen kann, wegen ihrer Gewaltbereitschaft aber ernst nehmen muss. Normalerweise würde man die Aussagen islamistischer Funktionäre mit einem „Lächerlich!“ abtun und sich den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zuwenden. Aber da man weiß, dass diesen Aussagen im besten Falle wütende Proteste, viel wahrscheinlicher aber Gewalttaten, folgen werden, muss man wohl oder übel in einen Dialog einsteigen, der von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist.

16. September 2006 at 11:04 1 Kommentar

Peng, du bist tot

Und wieder ein Schul-Massaker. Diesmal nicht irgendwo in den USA, wo sie üblicherweise stattfinden, sondern in Montreal. Und auch wenn es für viele Kanadier keine schlimmere Beleidigung gibt, als mit den US-Amerikanern in einen Topf geworfen zu werden (der viel gescholtene europäische Anti-Amerikanismus ist die reinste Lachnummer im Vergleich zu dem, was hier manchmal abgeht), hat auch Kanada eine bemerkenswerte Massaker-Bilanz vorzuweisen.
Warum sind eigentlich diejenigen tolle Typen, die auf Zielscheiben, Tiere und Menschen schießen und die anderen, die sich zum Beispiel ehrenamtlich engagieren und öffentliche Parks sauber halten, sich um ausgesetzte Tiere oder behinderte Menschen kümmern, völlig uncool? Irgendetwas läuft gewaltig schief in unserer Welt, scheinen wir doch vergessen zu haben, dass jedes Leben einmalig ist und wir alle nur diese eine Chance haben.

14. September 2006 at 12:28 Hinterlasse einen Kommentar

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