Archive for August, 2006

Zu Gast bei den Newfies, Teil 1

Unsere erste richtige Kanada-Reise führte uns nach Newfoundland. Natürlich wollten wir nicht die ganze Insel bereisen (bei 15 Tagen Jahresurlaub muss man ein bisschen knausern), sondern nur die Avalon Peninsula, auf der sich auch die Hauptstadt St. John’s befindet (wir haben unsere Pläne zwar zwischendurch geändert und auch einen kurzen Abstecher auf die benachbarte Bonavista Peninsula gemacht, aber das schadet ja nix).

Da zwischen Toronto und St. John’s 1,5 Stunden Zeitunterschied liegen, waren wir trotz des Abfluges zu fast nachtschlafender Zeit erst mittags dort. Als erstes fielen uns der super freundliche Taxifahrer und die bunt gestrichenen Häuser auf – eine wunderbare Abwechslung zu den wortkargen indischen Freunden, die uns sonst kutschieren, und dem braunen und beigefarbenen Häusereinerlei in Toronto. Die Einrichtung unseres Hotelzimmers war dann wieder in verschiedenen Brauntönen gehalten, wahrscheinlich damit sich die Besucher aus Toronto ein bisschen heimisch fühlen. Ich fand’s ganz schrecklich, aber es war sauber, hatte einen tollen Blick auf den Hafen und lag sehr zentral (was sich im Nachhinein als kleiner Nachteil erwies, denn die Touristen in St. John’s sind wahre Partypeople und feiern lauthals bis in die Morgenstunden).
Den Rest des Tages und auch den folgenden verbrachten wir in St. John’s, spazierten durch den Hafen und die Strassen, genossen die farbenfrohen Häuser und den strahlenden Sonnenschein. Natürlich fuhren wir auch zum Signal Hill an der Hafeneinfahrt und zum Cape Spear, dem östlichsten Punkt Nordamerikas – so nah waren wir Europa schon lange nicht mehr gewesen.

Am dritten Tag hätte eigentlich Whale Watching auf dem Programm gestanden, doch dafür waren wir zwei Wochen zu spät (die müssten mal ihre Reiseführer aktualisieren). Die letzten Eisberge kamen übrigens vor zwei Jahren vorbei. Dafür haben wir zahlreiche nistende Puffins (Papageientaucher) und einen Mondfisch (im Englischen witzigerweise Sunfish genannt) gesehen. Auch ohne Wale ist die Bootstour von O’Brien’s wirklich zu empfehlen.

Der vierte Tag führte uns dann weiter Richtung Süden. Statt Sea Kayaking (dazu war meine Nase dann doch noch zu dick) machten wir eine kurze Wanderung (4 km) über Stock und Stein zu einer der vielen felsigen Buchten, genossen die Natur und die Einsamkeit. Beides Dinge, die unseren Urlaub sehr prägten. Obwohl die Avalon Peninsula im Vergleich zum Rest Neufundlands dicht besiedelt ist, kann man in der Tat kilometerweit fahren (und oft auch gucken) und sieht keinen Menschen, kein Haus, nur Gegend. Die übrigens recht abwechlungsreich und beeindruckend ist; sehr bergig, viele Seen, schroffe Steilküsten oder felsige Buchten, Nadelwälder, Busch- und Graslandschaften oder karger, steiniger Boden. Wenn wir die Strasse hinter einer Hügelkuppe in der Ferne nicht mehr sehen konnten, fühlten wir uns oft wie am Ende der Welt, besonders wenn es auch noch nebelig war.

Abends machten wir in einem Bed & Breakfast Rast und trafen beim Frühstück das erste Mal auf andere Mitreisende, die uns empfahlen, auch unbedingt einen Abstecher auf die Bonavista Peninsula zu machen. Es war meine erste B & B Erfahrung und eine sehr positive noch dazu. Wir hatten Glück, dass wir das Zimmer überhaupt bekamen (andere hatten abgesagt), denn sonst hätten wir in einem weniger ansehnlichen Motel übernachten müssen. Mehr Auswahl gab es nicht. Auch etwas, das wir lernen mussten. Sobald man die nähere Umgebung St. John’s hinter sich lässt, werden die Ortschaften immer kleiner und ähneln oft eher zufälligen Ansammlungen von Häusern. Supermärkte sucht man dann vergeblich, findet aber – wenn man Glück hat – einen Convenience Shop, manchmal mit, aber meistens ohne Tankstelle. Wenn man einen sieht, tut man gut daran, anzuhalten und Wasser und was man sonst noch braucht einzukaufen (wobei die Auswahl an Obst und Gemüse eher mau ist), auch wenn man noch eine Flasche hat. Es kann nämlich gut sein, dass der nächste Ort keinen hat und der übernächste auch nicht und das wird dann langsam ärgerlich. Man sollte sich auch vom Äußeren solcher Läden nicht schrecken lassen, meist sind sie erstaunlich gut sortiert. Außerdem hat man ja auch keine Alternative.

Weiter geht’s morgen mit Teil 2.

30. August 2006 at 12:15 Hinterlasse einen Kommentar

Der grosse Tag

Aus aktuellem Anlass eine kleine Programmänderung: Der angekündigte Urlaubsbericht wird auf morgen verschoben, denn heute ist der grosse Tag.
Wir haben unseren Apfel geerntet!
Nicht ganz freiwillig, denn ehrlich gesagt lag er heute Morgen unter unserem Kleinbaum – zusammen mit dem Ast, an dem er hang. Im Moment toben nämlich wieder verstärkt die Eichhörnchen durch den Garten, die Sonnenblumen sind reif, und wahrscheinlich musste der Apfel im Zuge dessen daran glauben.
Wir haben ihn dann auch gleich zum Frühstück verspeist, ein bisschen sauer, aber sehr saftig und lecker.
Hoffen wir mal, dass der Baum im nächsten Jahr mehr Früchte trägt, denn Most ist das Ziel.

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29. August 2006 at 10:56 Hinterlasse einen Kommentar

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs

Immer wenn sich die USA einer akuten oder vermeintlichen Terrorgefahr ausgesetzt sehen, fühlt sich Kanada gleich mit bedroht. Auch wenn es, anders als kanadische Politiker gerne behaupten, so gut wie keine Rolle in der Weltpolitik spielt und ohne seinen Afghanistan-Einsatz auf kaum einer Extremisten-Landkarte zu finden wäre.
Nach den Chaos-Tagen von Heathrow hat die kanadische Regierung nicht lange gezögert und alle Flüssigkeiten und gel- oder cremeähnliche Substanzen an Bord von Flugzeugen verboten. Und zwar auf allen Flugstrecken. Duty Free Shops ist es nicht mehr erlaubt, Alkoholika, Kosmetik oder Parfum an den Mann oder die Frau zu bringen und die Imbissbuden hinter den Sicherheitskontrollen dürfen Getränke nur noch in Bechern verkaufen (die man selbstverständlich nicht mit an Bord nehmen darf).
Auch wenn dieses Brimborium nur die Hilflosigkeit der Regierenden zeigt, sind mir alle Sicherheitsvorkehrungen lieber, als in der Luft in Schutt und Asche gebombt zu werden. Das Problem dabei ist nur, dass die Airlines ihre Serviceangebote, die man kaum noch als solche bezeichnen kann, natürlich nicht angepasst haben. Man bekommt an Bord selbstverständlich keine zusätzliche Flasche Wasser oder Hautcreme gegen die trockene Luft (zumindest nicht wenn man Economy fliegt, wozu es inländisch keine Alternative gibt, nicht einmal gegen Bezahlung). Aber wahrscheinlich werden sie ihre Chance bald erkennen und Dinge, die das Fliegen angenehmer machen, zu Wucherpreisen verkaufen.

Von all dem ahnten wir nichts, als wir uns am Donnerstag in der vorletzten Woche um 5:30 morgens in die Schlange vor dem Check-In einreihten. Ich mit einer Nase so dick wie ein Tennisball, schniefend, röchelnd und ständig an der Wasserflasche nuckelnd, um den Hals zu beruhigen. Das böse Erwachen kam, als uns die unfreundliche Angestellte von Skyservice die aktuelle Sachlage darstellte: Weder Penatencreme für die rote Nase noch – mein persönlicher Super-Gau – Labello seien an Bord gestattet, Wasser sowieso nicht.

Ich verwende Labellos (hier nur als Synonym, weil Fettstift nicht so nett klingt; denn einen Labello – also den von Beiersdorf – nehme ich nur, wenn es wirklich gar keine Alternative gibt) seit ich 16 bin, selbst nachts wenn ich aufwache.

So schmierte ich am Schalter ein letztes Mal die Lippen ein und ab mit dem guten Stück in den Koffer. Voller Hoffnung suchte ich nach den Sicherheitskontrollen einen Duty Free Shop auf und musste die nächste Enttäuschung hinnehmen (siehe oben). Als wir an Bord gingen hatte ich bereits das Gefühl, die Haut meiner Lippen in Fetzen abziehen zu können und freute mich riesig auf den dreistündigen Flug.
Dann aber hatte Gerold die Idee. Als Reiseproviant hatten wir Landjäger und gegrillte Mettenden eingepackt (und wären auch damit beinahe an den Sicherheitskontrollen gescheitert). Von einem Mettende war nur noch die Hälfte da und die triefte vor Fett – der perfekte Labelloersatz. Damit mich keiner komisch anguckte, weil ich meine Lippen mit einer Wurst einschmierte, habe ich die Fettbombe in eine Serviette gewickelt – ein bisschen Eitelkeit war bei aller Verzweiflung noch vorhanden – und so den Flug am Ende doch relativ gut überstanden (auf das unbeschreibliche Glücksgefühl beim Anblick meines Koffers will ich mal nicht näher eingehen).

Mehr zu unserem Urlaub dann morgen.

PS: Dick-Fritz ist wieder fast so fidel wie vorher. Ein bisschen wird er noch behandelt und das Fell muss auch noch nachwachsen, aber das Schlimmste ist erstmal überstanden. Vielen Dank für die Genesungswünsche!

28. August 2006 at 09:14 Hinterlasse einen Kommentar

Glück im Unglück

Es kam wie es kommen musste. Fast anderthalb Jahre lang ließ ich jede Erkältung, die Gerold aus dem Büro mitschleppte, unbeeindruckt an mir vorüberziehen. Nun rückt unser erster richtiger Kanada-Urlaub immer näher und mein kratzender Hals entwickelt sich langsam aber sicher zu einem ausgewachsenen Husten. Wie froh bin ich, dass ich jedem Besuch aufgetragen habe, mir Ipalat Halspastillen mitzubringen und nun aus dem Vollem schöpfen kann.

Auch Fritzens tun ihr Bestes, um uns zu überreden, die schönste Zeit des Jahres im trauten Heim zu verbringen. Am Samstag fingen sie einen ihrer Rangkämpfe an, am Sonntag brachten wir den Dicken zum Tierarzt, weil er seinen Kopf ganz komisch hielt und sie haben ihn dann auch gleich dabehalten. Verrenkt war zum Glück nichts, dafür hatte er eine grosse Wunde am Hals und drei weitere am Körper, die behandelt werden mussten. Gestern Morgen konnten wir ihn wieder abholen. Er sieht ein bisschen wie ein halb gerupftes Huhn aus und kann einem schon leid tun.
Nach einer Odyssee durch’s Internet auf der Suche nach einem Pet Sitter, der sich mit Kaninchen auskennt und dazu noch Medizin verabreicht (Hunde und Katzen sind kein Problem, aber Kaninchen gelten hier als Exoten), haben wir natürlich auch unseren Nachbarn die missliche Lage schildern müssen, weil eigentlich die Töchter des Hauses unsere zwei Racker versorgen wollten. Ich kann ihre Selbstlosigkeit immer noch nicht fassen, aber sie sagten tatsächlich „Forget the Pet Sitter. We can do it!“. Ich solle ihnen einfach ein paarmal zeigen, wie ich die Wunde desinfiziere und ihm seine Medizin gebe (mit lecker Kirschgeschmack!) und dann machen sie das und fahren ihn auch alle zwei Tage für seine Spritze zum Tierarzt.
Welch grosses Glück, dass wir so tolle Nachbarn gefunden haben!

15. August 2006 at 11:35 2 Kommentare

Bitte recht freundlich

Die Kurpfalz Dragons und die Schwerin Uhu’s (ein Fall für den Zwiebelfisch) sind in der Stadt. Doch leider haben wir es am Wochenende nicht geschafft, ihre Siege beim Dragon Boat Race zu bejubeln, denn wenige Tage vor unserem Urlaub hat die Sicherung der Erinnerungen aus eben diesem eindeutig Priorität. Also waren wir unterwegs, um uns endlich eine Digital-Kamera und einen Camcorder anzuschaffen.
Abgesehen davon, dass ich dieses Thema ähnlich unübersichtlich finde wie den richtigen Handytarif auszusuchen, kommt erschwerend hinzu, dass man hier keine Fachgeschäfte wie beispielsweise Wiesenhavn findet, in denen man sich anständig beraten lassen kann. Also auf zu Best Buy und Future Shop, zwei Elektrosupermärkte vergleichbar mit Media Markt. Best Buy haben wir ziemlich schnell wieder hinter uns gelassen, da der Verkäufer uns nach zwei Minuten riet, mal ein bisschen mit den Geräten rum zu spielen und wenn wir noch Fragen hätten, könnten wir ihn ja noch mal ansprechen. So hatten wir uns das irgendwie nicht vorgestellt und auf ging’s zum Future Shop. Dort blieben wir dann anderthalb Stunden, denn Paolo (ein Koreaner, was man bei diesem Namen nun wirklich nicht vermutet hätte) nahm seinen Job tatsächlich ernst und beriet uns gewissenhaft und ausführlich.
Immer wenn es mir zu technisch wurde, habe ich das Treiben im Laden beobachtet und fand tatsächlich bestätigt, dass ausschließlich dunkelhaarige und -häutige Verkäufer (bei den Männern überwiegte eindeutig die indische Volksgruppe) unterwegs waren. Ich will das mal nicht mit dem Werbeblatt „Career opportunities at Future Shop“ in Verbindung bringen, in dem stand „If you have more than two remotes, you’re hired.“, sondern lieber mit ihrer Technik-Affinität begründen…

13. August 2006 at 18:50 Hinterlasse einen Kommentar

Nix Wochos

Wie gerne würde ich mal ein Tütchen Los Scharfos oder Los Kartoffos knabbern, aber im Nachbarland der Hamburger-Erfinder (und wahrscheinlich ist es dort nicht anders) hält man wenig von Abwechslung und serviert tagein tagaus die alt bekannten Burger, mal mit und mal ohne Käse.
Warum ist das eigentlich so? Vielleicht liegt es daran, dass der Kanadier an sich wenig von Veränderung hält? Die Leute ziehen schließlich auch gern in ihr neues Haus ein, ohne es vorher zu streichen (frische Farbe steht angeblich an vierter Stelle der verkaufsentscheidenden Faktoren). Oder vielleicht wären die ewig neuen Aktionen der Untergang des Drive-Through (einen Drive-In habe ich hier übrigens noch nie gesehen), weil der Bestellvorgang zu lange dauern würde (der Kanadier stiegt nämlich auch nicht gerne aus). Oder liegt es daran, dass die unterbezahlten Mitarbeiter mit einem regelmäßig wechselnden Sortiment schlicht überfordert wären? Selbst die simple Bestellung einer Cola ohne Eis löst oft genug ein heilloses Chaos hinterm Tresen aus.
Tröste ich mich also damit, dass ich – wenn es nicht irgendwie ekelig wäre – bei der Konkurrenz den Quad Stacker (mit vier Buletten) essen könnte. Danach hätte ich wahrscheinlich auch keinen Appetit auf gar nix mehr.

11. August 2006 at 17:23 Hinterlasse einen Kommentar

Freie Presse

Die ‚unabhängige‘ Berichterstattung über den Libanon-Krieg hat eine neue Qualität erreicht. Der lokale Nachrichtensender CP24 macht seine Meldungen aus dem Kriegsgebiet seit neustem mit einer Einblendung „Together with Israel. Together as one.“ auf.
Auch interessant war ein Dialog gestern Abend auf CNN zwischen einem Moderator und dem Reporter vor Ort. Dabei ging es um den israelischen Schießbefehl auf jegliche Fahrzeuge im Grenzgebiet. Wie denn die libanesische Bevölkerung den Flugblatt-Aufforderungen von Israel folgen und das Gebiet verlassen solle, wenn gleichzeitig auf jedes Fahrzeug geschossen würde, fragte der Moderator. Bemerkenswert kritisch für eine CNN-Sendung zur besten Sendezeit. Die Krönung war jedoch die Antwort, man müsse eben die Beine in die Hand nehmen und damit rechnen, auf der Flucht umzukommen.

9. August 2006 at 13:35 Hinterlasse einen Kommentar

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