Meinungsmache

31. Juli 2006 at 07:43 Hinterlasse einen Kommentar

Bevor wir nach Kanada kamen, reichten mir die deutschen Nachrichten als Informationsquelle voll und ganz aus. Mittlerweile lese oder sehe ich natürlich auch kanadische Nachrichten. Dabei gab es bisher nur wenige Möglichkeiten, die dargebotenen Informationen zu vergleichen – umso interessanter ist die unterschiedliche Berichterstattung deutscher und kanadischer Medien über den Krieg, den Israel gegen die Hisbollah führt.
An den Fakten kann natürlich keine Zeitung etwas ändern, sei es in Hamburg oder Toronto, sie kann aber ihren Schwerpunkt setzen und durch die Veröffentlichung bestimmter Details oder eben dem gezielten Weglassen derselben sehr deutlich zur Meinungsbildung beitragen. Da muss man gar keine Angst vor Google haben.

Ich habe mir exemplarisch die Berichterstattung vom Sonntagmittag über den israelischen Angriff auf Kana von tagesschau.de und Spiegel Online angeschaut und mit der von CBC, CP24, Globe and Mail und Toronto Star verglichen.
Interessant ist, wie sehr sich die Meldungen jeweils in den deutschen und kanadischen Medien ähneln. Es läuft also auf den Vergleich Deutschland – Kanada hinaus. Die Tagesschau und der Spiegel berichten detailliert über die Anzahl der Toten, heben vor allem die der Kinder hervor, zitieren internationale Politiker, die ihr Entsetzen ausdrücken und schreiben zwar über das Bedauern des israelischen Premierministers Olmert, melden aber im gleichen Atemzug, dass Israel den Angriff weiterführen wird. Die kanadischen Nachrichten berichten über die Anzahl der Toten, aber nur wage, dass unter den Opfern auch viele Kinder seien, erst im Verlauf des Artikels werden (wenn überhaupt) Zahlen genannt, von weltweitem Entsetzen ist nicht die Rede, sondern vom Bedauern israelischer Offizieller (und der Rechtfertigung und Notwendigkeit dieses und weiterer Angriffe) und auch Condoleezza Rice sowie Kofi Annan kommen zu Wort, eine Zeitung schreibt sogar vom weltweitem Verständnis für das israelische Handeln (Zitat Olmert), internationale Politiker werden nur von einem Blatt zitiert. Interessant ist auch die Darstellung des abgesagten Besuches von Rice beim libanesischen Ministerpräsidenten Siniora. Während die deutschen Medien berichten, dass Rice ausgeladen worden wäre, ist in den kanadischen Medien die Rede davon, dass sie ihren Besuch verschoben hätte. Im zweiten Satz wird dann berichtet, dass es offenbar unterschiedliche Auffassungen über den Sachverhalt gebe und die libanesische Regierung erklärt habe, Rice wäre darum gebeten worden, ihren Besuch zu verschieben.

Insgesamt zeigt sich, wie einfach es ist, einen Sachverhalt ganz unterschiedlich darzustellen und so entweder den Eindruck eines verabscheuungswürdigen Massakers oder eines tragischen Fehlers, wie sie eben im Krieg passieren können, zu vermitteln.

Anmerkung: Leider entsprechen nur noch die Artikel aus dem Spiegel und Toronto Star dem Stand von gestern Mittag. Alle anderen wurden, zum Teil erheblich, angepasst.

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Sommerloch Lasst Blumen sprechen

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