Archive for Juli, 2006

Meinungsmache

Bevor wir nach Kanada kamen, reichten mir die deutschen Nachrichten als Informationsquelle voll und ganz aus. Mittlerweile lese oder sehe ich natürlich auch kanadische Nachrichten. Dabei gab es bisher nur wenige Möglichkeiten, die dargebotenen Informationen zu vergleichen – umso interessanter ist die unterschiedliche Berichterstattung deutscher und kanadischer Medien über den Krieg, den Israel gegen die Hisbollah führt.
An den Fakten kann natürlich keine Zeitung etwas ändern, sei es in Hamburg oder Toronto, sie kann aber ihren Schwerpunkt setzen und durch die Veröffentlichung bestimmter Details oder eben dem gezielten Weglassen derselben sehr deutlich zur Meinungsbildung beitragen. Da muss man gar keine Angst vor Google haben.

Ich habe mir exemplarisch die Berichterstattung vom Sonntagmittag über den israelischen Angriff auf Kana von tagesschau.de und Spiegel Online angeschaut und mit der von CBC, CP24, Globe and Mail und Toronto Star verglichen.
Interessant ist, wie sehr sich die Meldungen jeweils in den deutschen und kanadischen Medien ähneln. Es läuft also auf den Vergleich Deutschland – Kanada hinaus. Die Tagesschau und der Spiegel berichten detailliert über die Anzahl der Toten, heben vor allem die der Kinder hervor, zitieren internationale Politiker, die ihr Entsetzen ausdrücken und schreiben zwar über das Bedauern des israelischen Premierministers Olmert, melden aber im gleichen Atemzug, dass Israel den Angriff weiterführen wird. Die kanadischen Nachrichten berichten über die Anzahl der Toten, aber nur wage, dass unter den Opfern auch viele Kinder seien, erst im Verlauf des Artikels werden (wenn überhaupt) Zahlen genannt, von weltweitem Entsetzen ist nicht die Rede, sondern vom Bedauern israelischer Offizieller (und der Rechtfertigung und Notwendigkeit dieses und weiterer Angriffe) und auch Condoleezza Rice sowie Kofi Annan kommen zu Wort, eine Zeitung schreibt sogar vom weltweitem Verständnis für das israelische Handeln (Zitat Olmert), internationale Politiker werden nur von einem Blatt zitiert. Interessant ist auch die Darstellung des abgesagten Besuches von Rice beim libanesischen Ministerpräsidenten Siniora. Während die deutschen Medien berichten, dass Rice ausgeladen worden wäre, ist in den kanadischen Medien die Rede davon, dass sie ihren Besuch verschoben hätte. Im zweiten Satz wird dann berichtet, dass es offenbar unterschiedliche Auffassungen über den Sachverhalt gebe und die libanesische Regierung erklärt habe, Rice wäre darum gebeten worden, ihren Besuch zu verschieben.

Insgesamt zeigt sich, wie einfach es ist, einen Sachverhalt ganz unterschiedlich darzustellen und so entweder den Eindruck eines verabscheuungswürdigen Massakers oder eines tragischen Fehlers, wie sie eben im Krieg passieren können, zu vermitteln.

Anmerkung: Leider entsprechen nur noch die Artikel aus dem Spiegel und Toronto Star dem Stand von gestern Mittag. Alle anderen wurden, zum Teil erheblich, angepasst.

31. Juli 2006 at 07:43 Hinterlasse einen Kommentar

Sommerloch

Vor knapp zwei Wochen erzählte mir mein Vater eine witzige Geschichte, die er in der Zeitung gelesen hatte und die hinterher sogar den Fernsehnachrichten eine Meldung wert war. Es ging dabei um einen Kanadier, der Mitte 2005 eine rote Büroklammer gegen einen Kugelschreiber eintauschte und mittlerweile ein Haus, auch ein Tauschgeschäft, sein eigen nennen kann. Das Dumme war nur, dass ich von der ganzen Sache noch nichts gehört hatte. Bis vorgestern. Da war der gute Mann zu Gast beim lokalen Nachrichtensender CP24.

Liegt das am Sommerloch? Oder daran, dass in Deutschland zu wenig oder in Kanada zu viel passiert?
Als damals die Nachricht von Michael Jackson, der in Frauenkleidern und weißen Socken in Bahrein gesichtet worden war, mit einiger Verspätung über die kanadischen Ticker lief, dachte ich mir noch, dass Deutschland – je nachdem welche Route man nimmt – einfach näher an Bahrein dran ist. Oder vielleicht musste man erst irgendwelche rechtlichen Fragen klären. Das ist hier ja alles nicht so einfach. Aber dass wir nun auch von Kuriositäten, die im eigenen Land passieren, als letzte erfahren, macht mich schon stutzig.

29. Juli 2006 at 13:16 Hinterlasse einen Kommentar

Und bist Du nicht willig

Gestern Abend hat die jüdische Gemeinde Torontos auf beeindruckende Weise ihre Solidarität mit Israel und dem Krieg, den es führt, bekundet. An einer Spendenveranstaltung unter dem Motto „Stand with Israel“ nahmen 8.000 Torontonians teil und es wären noch mehr gewesen, wenn der Veranstaltungsort es erlaubt hätte. Binnen Minuten wurden 6 Millionen Dollar gespendet, das Ziel sind 20 Millionen.
So schön es ist, wenn sich Menschen in der Ferne ihrer Heimat verbunden fühlen, so wichtig ist es auch, die Situation im Nahen Osten differenziert zu betrachten und so sehr beängstigen mich Pro-Kriegsveranstaltungen. Die letzten beiden Kriege, die als Anti-Terror-Kriege bezeichnet wurden, haben den betroffenen Ländern mitnichten die versprochene Stabilität gebracht. Die täglichen Meldungen aus Afghanistan und dem Irak sprechen im Gegenteil eine ganz andere Sprache.
Nun wird wieder ein Krieg gegen den Terror geführt. Die Staatengemeinschaft schaut zu und wartet ab. Diplomaten streiten sich um einzelne Formulierungen und erzielen keinen Fortschritt. Derweil sterben Unschuldige, ein Land wird zerstört. Man sollte doch meinen, dass die hochrangigen Politiker dieser Welt in der Lage sind, diesem Irrsinn ein Ende zu bereiten. Aber ich habe immer öfter den Eindruck, dass sie mit ihren Gedanken eher im lobbyfinanzierten Sommerurlaub sind oder sich schon die Hände in freudiger Erwartung des Wirtschaftsschubs durch den Wiederaufbau reiben. Dass sie die Suche nach einer dauerhaft stabilen Nahost-Lösung antreibt, kann ich wirklich nicht mehr ernst nehmen.

27. Juli 2006 at 11:09 Hinterlasse einen Kommentar

Kleine Bemerkung am Rande

Statt nach „Toronto Subway Fahrplan“ zu suchen, würde ich es mal mit diesem Link probieren.

26. Juli 2006 at 10:09 1 Kommentar

Doppelt hält besser

Geschätzte 50.000 Kanadier halten sich zur Zeit im Libanon auf. Das sind doppelt so viele wie US-Amerikaner und 50 mal so viele wie Europäer. 30.000 haben sich bei den kanadischen Botschaften für eine Evakuierung registrieren lassen. Da fragt man sich doch, was die alle dort machen.
Doppelte Staatsbürgerschaft ist des Rätsels Lösung. Die meisten Kanadier sind auch immer noch Libanesen und leben dauerhaft im Libanon. Natürlich sind einige im Urlaub dort und besuchen ihre Familien, aber die allermeisten haben mit Kanada nicht mehr viel am Hut. Außer dem Pass, an den man sich in Krisenzeiten wie diesen offensichtlich gern erinnert. Kann ich gut verstehen; ich würde auch alles versuchen, um diesem Pulverfass zu entkommen. Dennoch stellt sich mir die Frage nach dem Sinn einer Doppelten Staatsbürgerschaft, wenn man doch nur die Rechte in Anspruch nimmt und die damit verbundenen Pflichten andere tragen lässt. Die Evakuierung wird nämlich aus Steuergeldern finanziert und damit von denen, die in Kanada leben und arbeiten.
Bisher ist nur die Rede davon, die Ausreisewilligen nach Zypern und in die Türkei zu bringen. Aber wie geht es dann weiter? Was, wenn ein Großteil doch wieder nach Kanada will? Wie will man diesen Ansturm bew
ältigen? Und was ist so schwer daran, sich für die Staatsbürgerschaft eines Landes zu entscheiden?

26. Juli 2006 at 10:04 Hinterlasse einen Kommentar

Panzerknacker

Die verwaiste Doppelgarage unserer mexikanischen Nachbarn war nicht nur das Nest eines, sondern gleich von drei Waschbärenbabys. Seit ein paar Tagen geht das Trio nun allabendlich auf Erkundungstour, sucht Futter und macht dabei die Gärten unsicher. Trotzdem sie nicht viel grösser sind als die Fritzens, haben sie sich schon mit Nachbars Dackel angelegt, um ihr Revier klarzumachen. Des Dackels Pech war, dass unsere Nachbarn in begeistertes Quicken ausbrachen, als sie den Waschbärenwinzling zu Gesicht bekamen und wirklich gar kein Verständnis mehr für die Bedürfnisse ihres vierbeinigen Mitbewohners aufbringen konnten. Dabei hatte ich schon mit dem Schlimmsten gerechnet, da ihre Mülltonnen in regelmäßigen Abständen von den maskierten Gesellen ausgeleert werden und ich das morgendliche Chaos nicht unbedingt als Grundstein einer wunderbaren Freundschaft angesehen hätte. Aber von Ärger keine Spur, ganz im Gegenteil, voller Freude verkündete uns unser Nachbar, dass wir ja kleine Waschbären im Garten hätten. Ich mochte ihm dann auch nicht die Stimmung verderben und sagen, dass sie eigentlich aus seinem Garten kommen. Sollte er doch einmal seine Garage betreten, wird er es früh genug bemerken.
Heute morgen waren die drei übrigens auf unserem Verandadach und guckten mal durch die Balkontür ins Schlafzimmer hinein. In solchen Momenten bin ich schon froh, dass die Fenster hier serienmäßig mit Fliegengittern ausgestattet sind.

25. Juli 2006 at 10:59 Hinterlasse einen Kommentar

Immer wieder sonntags

Unser gestriger Sonntagsausflug führte uns nach Port Dover, einem niedlichen kleinen Badeort am Lake Erie. Im Sommer, zumindest an einem Sommersonntag, hoffnungslos überfüllt, ist das Städtchen im Winter wahrscheinlich völlig ausgestorben. Schon die Parkplatzsuche ist ein Geduldsspiel. Die erhoffte Erholung findet man am Strand dann keineswegs, denn derselbe ist recht winzig und dementsprechend eng liegt man neben all den anderen Ausflüglern. Und während in Long Point in der Mehrzahl ansehnliche Menschen ihre trainierten und gebräunten Körper am Strand spazieren führten, scheint Port Dover das Refugium der XXXXL-Fraktion und der aufsässigen kanadischen Jugend (man trinkt öffentlich Cola-Rum, raucht wie ein Schlot und jedes zweite Wort ist „fuck“) zu sein.
Sobald man aber den Strand verlässt, wird es wieder angenehmer. Es gibt einige kleine Läden, die zum Bummeln einladen, und an der Hafenausfahrt kann man die Motorjachten und Segelboote bei der Ein- und Ausfahrt bestaunen.
Fazit: Als Ausflugsziel also durchaus empfehlenswert, für einen Tag am Strand sollte man sich besser nach einer Alternative umsehen.

24. Juli 2006 at 08:35 Hinterlasse einen Kommentar

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