Böser, böser Patriotismus

15. Juni 2006 at 06:47 1 Kommentar

An normalen Tagen informieren mich Spiegel Online und tagesschau.de über das aktuelle Zeitgeschehen in Deutschland, manchmal auch das Hamburger Abendblatt. Gestern aber habe ich Bild 'gelesen' – und mich mächtig amüsiert. Popham und Speckham fand ich wirklich witzig.
Doch eigentlich war mein Anliegen ganz und gar seriös, denn langsam frage ich mich, ob die WM-Berichterstattung im Spiegel nicht ein wenig zu problemlastig ist. Nur weil ein Land, dessen Bewohner im Urlaub lieber stumm bleiben als als Deutsche erkannt zu werden, auf einmal kollektiv alle freien Flächen beflaggt, muss man doch noch lange keinen landesweiten Rückfall in Weltbeherrschungsfantasien befürchten. Ich bezweifle sogar, dass sich der bierselige Fan im Freudentaumel überhaupt etwas dabei denkt, wenn er die deutsche Fahne schwenkt.
Aber wenn am Ende ein bisschen Stolz auf Deutschland hängen bleibt, ist das doch nicht schlimm, sondern im Gegenteil endlich ein Schritt auf dem Weg zurück zur Normalität. Denn dieser ewige Krampf, sich seiner Nationalität schämen zu müssen, kann wohl niemand als normales Verhalten beschreiben.

Wie entspannt man mit dem Thema Vaterlandsliebe umgehen kann, erlebe ich hier tagtäglich. Viele Häuser sind beflaggt, öffentliche und Bürogebäude sowieso. Jetzt im Sommer kann man Citronella-Kerzen, Klappstühle, Handtücher, Kofferanhänger, die üblichen Kleidungsstücke und was weiß ich noch alles mit dem Nationalsymbol und in den typischen Farben kaufen. Grosse amerikanische Unternehmen werben z.B. mit dem Ahornblatt im Firmenlogo (McDonald's) oder dem Anteil kanadischer Produkte in ihrem Sortiment (Wal-Mart) und einheimische schlicht mit „Proudly Canadian“ (Rona).
Dabei frage ich mich schon manchmal, woher der Stolz auf dieses Land eigentlich kommt. Sehr lange gibt es Kanada ja noch nicht, von bedeutender Geschichte, Kultur oder gar Dichtern und Denkern kann keine Rede sein. Trotz wirtschaftlichem Boom auch nicht von einer Vorreiterrolle in Sachen Technik oder sonstiger Forschung. Hinzu kommt, dass es den Kanadier an sich eigentlich auch nicht gibt. Alle, außer den First Nations, sind irgendwann mal eingewandert. Wie dann dieser zusammengewürfelte Haufen dazu kommt, bei jedem Basketballspiel die Nationalhymne mitzusingen und frenetisch zu bejubeln und sich zum alljährlichen Canada Day mit größenteils unnützen Kanada-Fanartikeln einzudecken, ist doch erstaunlich.

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Entry filed under: Kurzweil, tagtäglich.

Fussi verbindet In der Kürze liegt die Würze

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