Kellerkind

20. April 2006 at 11:13 Hinterlasse einen Kommentar

(Geräusch Türenschlagen) Heinrich? – Keine Angst, es ist alles in Ordnung. – Komm mal her. Entschuldige, Heinrich, so war das doch gar nicht gemeint. Ich weiß, auch für dich ist alles gar nicht so einfach. Und ich hätte dir vielleicht auch mehr helfen sollen. – Was ist los? – Sieh mal, du könntest hier bei uns, bei deiner Familie, dein eigenes Reich haben. – Aha? – Nur für dich, wo du niemand – wo dich niemand stört, wo du auch mal laut sein kannst. – Laut? – Na, wo du sein kannst, wie du willst. Wenn wir hier ein bisschen Ordnung machen, das könnte ganz behaglich werden, so zum Basteln oder so. Modellbau, oder was du eben so machst. – Sind denn überall hier in den Kellern Herren im Ruhestand? – Hier hast du auch Licht; und Wasser; na was meinst du? – Kann ich doch lieber oben bleiben?


Was bei Loriot ein grosser Lacher war, ist hier bitterer Ernst. Überall im Land verbringen ganze Familien ihre Freizeit in ausgebauten Kellern, weitab vom Tageslicht, und fühlen sich pudelwohl dabei. Sie nennen das dann Family Room; da kann man fernsehen, die Spielsachen liegen lassen oder auf dem Trimmrad die Welt umkreisen. Das oberirdische Wohnzimmer dient eher repräsentativen Zwecken – irgendwie wie früher.
Letzte Woche hat uns einer unserer Nachbarn – Roberto, ein Zahnarzt aus Bolivien – voller Stolz seinen neu ausgebauten Keller gezeigt. Zwei Schlafzimmer, ein grosser Family Room mit Einbauküche (als Highlight führte er uns die geräuschlos schließenden Schubladen vor, vielleicht kein deutsches Fabrikat, aber auf jeden Fall aus Europa und der „Mercedes-Benz unter den Küchenschubladen“ – Zitat, kein Witz!) und ein Badezimmer mit Platz für Waschmaschine und Trockner. Das ganze Gebilde hatte ungefähr die Ausmaße unseres kompletten Hauses und kann auch separat vermietet werden.
Meine erste Wohnung war eine Souterrain-Wohnung und für mich damals das grösste. Aber irgendwie entwickelt man sich doch auch weiter und ich könnte mir heute nicht mehr vorstellen, in einem ausgebauten Keller zu leben. Doch hier hat man damit überhaupt kein Problem. Wenn man nicht mehr höher kann, geht man eben tiefer. Hat sicherlich auch Vorteile, mir fallen zwar gerade keine ein, aber es gibt bestimmt irgendwelche.

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Entry filed under: alles anders in Kanada.

Vorsprung durch Technik Eckige Augen und rote Ohren

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