Mind your own business

7. April 2006 at 10:47 Hinterlasse einen Kommentar

Im Moment lese ich viel über die Rütli-Schule und vermasselte Ausländer-Integration und besonders gerne recherchiere ich anderer Leute Meinung in Foren, die es heutzutage ja zu jedem Problem gibt, das die Welt mehr oder minder bewegt. Der Hort meiner gestrigen Erheiterung war das Spiegel-Forum „Ihre Meinung: Ausländer-Integration vernachlässigt?“. Der Titel klingt zwar sehr nach Sabine 'Wir haben ein Problem' Christiansen, die Inhalte sind aber ungleich kurzweiliger.
Besonderen Spaß hatte ich an dem Beitrag eines Herren der Fraktion „Schuld haben immer die anderen“, der forderte, dass die Deutschen sich endlich integrieren. Das sei jetzt mal dahingestellt, denn der eigentliche Knaller kam wie immer erst zum Schluss. Er werde Deutschland bei erstbester Gelegenheit wieder verlassen und sein Glück in einer offeneren Gesellschaft suchen. Und wo soll diese offenere Gesellschaft denn wohl sein? Richtig, in Kanada! Er murmelte noch etwas von brain drain, wovon bei seinen Formulierungskünsten nun wirklich nicht die Rede sein konnte.

Sei's drum. Wenden wir uns also der offeneren kanadischen Gesellschaft zu. Offen im Zusammenhang mit Gesellschaft würde ich als aufnahmewillig, das Andersartige an- und aufnehmend definieren. Wie leben also die verschiedenen ethnischen Gruppen in Toronto miteinander, der Stadt, die so stolz ist auf ihre Multikultur? Das allein sagt eigentlich schon alles. Die Kulturen leben hier nicht miteinander, nicht vermischt, sondern nebeneinander. Little Italy, Chinatown, Indian Bazaar – ethnische Viertel, in denen die Italiener, Chinesen und Inder weitestgehend unter sich bleiben und deren Städte in der Stadt als Touristenattraktion gelten. Hat Neukölln nur unfähige PR-Berater? Polnische Einwanderer leben in Roncesvalle, ukrainische in Bloorwest Village und die aus Korea in, natürlich, Koreatown. Die Reichen (Kaukasier) wohnen in Rosedale, die Armen (Schwarzen) in der Jane/Finch-Area. Wer in Rosedale lebt, hat ein durchschnittliches Jahreseinkommen von mehr als 125.000 $, dort gab es innerhalb der letzten 15 Jahre einen Toten nach einer Schießerei; in der Jane/Finch-Area sind es dagegen nur bis zu 50.000 $ pro Jahr und 22 Tote (Stand August 2005). Steckt die Gewalttätigkeit den Muslimen und Schwarzen quasi in den Knochen?

Der Grund dafür, dass es nicht noch häufiger knallt, ist, dass es der kanadischen Wirtschaft gut geht, die Arbeitslosigkeit hat mit 6,3% den tiefsten Stand seit 32 Jahren erreicht. Es gibt genügend Jobs (zwar nicht für Schwarze, aber für nahezu alle anderen, auch wenn der hochqualifizierte Asiate längst nicht soviel verdient wie sein weißer Kollege) und man kann sich deshalb eine gehörige Portion Gleichgültigkeit leisten. Kümmere Dich um Deinen Kram, ich kümmere mich um meinen. Das ist das Geheimnis ihres Erfolges. Davon profitieren wir, wenn wir umbauen und unsere Nachbarschaft mit Müll und Lärm beglücken. Darunter leidet ein Land, wenn die Wahlbeteiligung stetig sinkt, weil nur die eigene Lebenssituation, vor allem die finanzielle, interessiert und nicht was in dem Land, in dem man lebt, passiert.
Nun mag man denken, dass Gleichgültigkeit immer noch besser ist als Gewalt, aber wer gibt einem die Garantie, dass es dabei bleibt?

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Entry filed under: alles anders in Kanada, Nonstop Nonsens.

Kein Happy End April, April

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