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Silber und Gold
Nach gefühlten 7385 Fernseh-Sondersendungen und Myriaden von Analysen, Zeitzeugenberichten und Livetickern in Print- und Online-Medien scheinen wir nun endlich wieder unsere Ruhe zu haben – das Jubiläum des Mauerfalls ist bis weit über die Grenze der Geschmacklosigkeit hinaus breit getreten worden und selbst Wiedervereinigungsfans litten zuletzt unter akutem Brechreiz.
Aber meinetwegen; es passiert ja nicht mehr viel heutzutage. 9/11 ist lange her, die Bundestagswahl war auch eher langweilig und Michael Jackson ist mittlerweile unter der Erde. Doch muss man dann tatsächlich so weit gehen und jeden Honk dazu interviewen, was er während des Mauerfalls gemacht hat? Auch wenn er mit dem Kicker auf’m Klo gesessen hat?
Ich persönlich habe keine Ahnung, wo ich war und was ich getan habe. Ich könnte allenfalls meine alten Tagebücher rauskramen, aber wenn ich ehrlich bin, interessiert es mich auch nicht die Bohne. Ich erinnere mich lediglich noch an den Ausspruch eines Mitschülers, der meinte: „Das ist der Untergang des Abendlandes.“
So würde er das heute bestimmt nicht mehr sagen (dürfen), also hülle auch ich mich an dieser Stelle in beredetes Schweigen.
Add comment November 12, 2009
Ersté Schritté
Was war es wohl, das mir als erstes auffiel, als wir gestern vor einer Woche mit dem Taxi vom Flughafen zum Hotel fuhren? Nein, nicht der grau(sig) trübe Himmel oder die durchgeknallten Autofahrer – es waren die Dachziegel! Endlich wieder ordentliches Baumaterial, frohlockte ich innerlich. Doch dann fiel mir ein, dass die Renovierungsarbeiten diesmal unser Vermieter für uns übernommen hatte.
Das Hotel war ein Desaster. Die Decke im Bad kam vor lauter Schimmel schon die Wände runter gekrochen (dementsprechend roch es auch) und der Keim der letzten 30 Jahre hatte es sich so richtig gemütlich gemacht. Eine Nacht blieben wir dort, aber am Samstag ging es direkt morgens in unser neues Heim. Da kampieren wir nun seit einer Woche. Heute haben wir endlich die Elektrogeräte (also den Geschirrspüler und die Waschmaschine, beides wurde zusammen mit dem Kühlschrank und dem Trockner am Dienstag angeliefert und zum Glück auch angeschlossen) in Betrieb genommen. Französische Bedienungsanleitungen sind gar nicht so leicht zu verstehen…
Und sonst? Wir verständigen uns mit Händen und Füssen und verzweifelten Blicken. Das klappt bisher auch ganz gut (und wenn nicht, haben wir es wahrscheinlich nicht mitbekommen). Fritzi kämpft noch mit der Zeitumstellung (und damit, dass ich Unmengen an Käse und Joghurt in mich reinschaufel), hält sich aber wacker. Die zwei Fritzens sind mir immer noch böse – ich hoffe, dass sich das legt, wenn die Möbel erst da sind und sie wieder am Sofa knabbern können.
Alles in allem könnte es also durchaus schlimmer sein, denn während in Toronto erneut winterliches Schneetreiben und Dauerfrost den Frühling noch ein bisschen auf Distanz hält, waren wir gestern Abend lecker essen und sassen dabei draußen – es gibt einen Gott!
Aber das Beste zum Schluss: Die Raptors haben es in die Playoffs geschafft und die kanadische Regierung hat die diesjährige Robbenabschlachtquote von 335.000 auf 270.00 gesenkt.
Add comment April 7, 2007
Der Trilogie fünfter Teil
Gleich vorweg: Wären wir in Hamburg geblieben, würde Fritzi nun nicht unsere Nächte verkürzen. Und wie der Blick auf die aktuelle Debatte um die Kinderbetreuung zeigt, wäre das die richtige Entscheidung gewesen, auch wenn mir viele glückliche Momente verwehrt geblieben wären. Deutschland ist einfach noch nicht reif für Kinder.
Denn, um es einmal deutlich zu sagen, es geht nur um eine Quote von 35% in der Betreuung der unter Dreijährigen. Damit bleiben immer noch 65% übrig, die von ihrer Mutter oder wem auch immer betreut werden müssen, können, dürfen. So schön die Pläne der Familienministerin auch sein mögen, sie sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein – aber immerhin mal einer. Denn nach wie vor ist es doch so, dass Kinderkriegen für Frauen das berufliche Aus bedeutet – nach der Rückkehr aus der Elternzeit sind die vormals rosigen Karriereaussichten deutlich schwarz eingefärbt, was mit massiven finanziellen Einschnitten verbunden ist, die sich kaum einer leisten kann (schon gar nicht, wenn eine Menge Geld ins vorangegangene Studium geflossen ist). Und wenn nicht aus Ehrgeiz (ich weiß, als Eigenschaft einer Frau schon igitt an sich), so ist zumindest aus finanziellen Gesichtspunkten die Doppelverdienerlebensgemeinschaft in der Regel unumgänglich. Wohin also mit dem süßen Fratz?
Ich bin froh, dass ich im Moment meine Zeit mit Fritzi verbringen kann und Gerold wäre liebend gern mehr zu Hause (ich glaube auch, dass eine stärkere Präsenz der Väter in dieser frühen Phase so manches Verbrechen an Kindern verhindern würde – zwei Schultern können die riesige Umstellung nämlich besser bewältigen als eine). Ich freue mich aber genauso darauf, wenn sie dann zum Daycare geht, andere kleine Kinder kennenlernt und eine neue Welt entdeckt. Denn so schön ihre Welt hier daheim auch sein mag, es gibt noch viel mehr zu erleben. Und das wichtigste: Wir gehen ihr ja nicht verloren, sondern die anderen kommen hinzu.
Diejenigen, die in diesen Tagen von entfremdeten und staatlich gleichgeschalteten Kindern, Gebärmaschinen, Verlust der Wahlfreiheit der Eltern und dem damit verbundenen Untergang des Abendlandes faseln, sind doch nur traurige Kontrollfreaks, die es den Kindern nicht gönnen, sich zu eigenen Persönlichkeiten zu entwickeln (und natürlich Angst vor den Frauen als Konkurrenten um Arbeitsplätze haben – aber das Thema Emanzipation in Deutschland steht auf der Rückseite eines anderen Blattes).
PS: Und zum Schluss noch etwas zum Lachen: Die Bildungsministerin hat als Familienbildungsanreiz für Studenten vorgeschlagen, Universitäten nach ihrer Elternfreundlichkeit zu bewerten. Das ist doch mal von wirklich praktischem Nutzen. Wie war das noch? Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten.
Add comment März 18, 2007
Mal wieder Kurzmeldungen
- Erst wollte der Winter gar nicht kommen, dann kam er mit Macht. Eigentlich reden ja alle und immer über das Wetter, aber in diesem Jahr machte es ihnen irgendwie Angst und – schwupp! – ist das Thema Global Warming in aller Munde und sogar der Stephen redet wieder von Kyoto. Zumindest die Politiker geben sich grüner als Greenpeace. Den Kanadier an sich schert das wenig: Das Auto ist sein liebstes Kind und so geht man jeden Weg zusammen, zelebriert die Körperpflege gemeinsam in der heimischen Einfahrt und lässt den dann glänzenden Motor am besten nie ausgehen, damit das gute Stück nicht anfängt zu frieren. Gegen diese innige Verbundenheit kann man doch eigentlich nix sagen, oder?
- Dazu passt ganz gut, dass Mitte Februar eine Esso-Raffinerie am Ufer des Lake Erie leider ihren Geist aufgegeben hat. Nicht weiter schlimm, sollte man meinen. Aber offensichtlich versorgt genau diese Raffinerie das GTA und die umliegenden Gegenden und mittlerweile ist über 125 Tankstellen in Toronto der Sprit ausgegangen. Da macht sich langsam Hysterie breit und die Trucker forderten doch allen Ernstes, dass sie das dreckigere Benzin, das immer noch für Landmaschinen erlaubt ist, tanken dürfen. In der Zwischenzeit kostet Benzin wieder über einen Dollar. Was es nun wirklich nicht wert ist, da es mit der Qualität deutschen Benzins bei weitem nicht mithalten kann (deswegen sollte man sein deutsches Auto auch tunlichst daheim lassen, da es die hier erhältliche Brühe sowieso nicht verträgt).
- Und noch etwas zum Thema Fortbewegung bzw. dem Stillstand derselben. Der Gardiner wurde in der letzten Woche gesperrt, da vom CN Tower herabfallendes Eis Leib und Leben der darunter im Stau stehenden Torontonians gefährdete. Die Folge? Downtown im Chaos. Jaja, die Tunnellösung hat doch etwas für sich.
- Zuguterletzt der Witz des Tages: USA und Kanada haben am Wochenende auf die Sommerzeit umgestellt. Ausgehend von den USA, um – was sonst – noch mehr Energie zu sparen, konnte Kanada natürlich nicht widerstehen, diese grandiose Idee auch gleich umzusetzen. Vergessen waren plötzlich die zumeist vergeblichen Versuche, sich vom übermächtigen südlichen Nachbarn abzugrenzen. Dumm nur, dass das vorgezogene Uhrendrehen für manchen Computer ein Problem darstellen kann und so malte der eine oder andere bereits Y2K-ähnliche Horrorszenarien an die Wand. Never change a running system!
Add comment März 12, 2007
Peabrains
So nennt unser Nachbar Bill, ein sehr netter und sehr rüstiger Rentner, alle diejenigen, die uns bei Ämtern und Behörden das Leben schwer machen – Recht hat er! Aber ich leider nicht meine Ruhe.
Schon während der Renovierung unseres kleinen gelben Hauses (damals war es noch durchfallfarben) haben wir eine kaum zu ertragende Sehnsucht nach einem deutschen Bauamt mit geregelten Zuständigkeit und Vorschriften für alles und jeden entwickelt. Damals waren wir ja nun wirklich noch nicht lang im Land, aber hatten doch relativ schnell die Nase voll davon, von A nach B und von dort wieder zurück geschickt zu werden. Vor allem weil während so einer Bauphase Zeit Geld ist und wir trotz regelrechter Marathonläufe durch die Behördenflure nicht weiterkamen. (Die gleichen Erfahrungen machen wir übrigens auch gerade mit der Geburtsurkunde, dem Pass und der Social Insurance Number für Fritzi – links weiß nicht, was rechts macht und wenn rechts dann doch zuständig ist, müssen wir mindestens dreimal wiederkommen, weil immer etwas fehlt; was aber alles erforderlich ist, sagt uns freiwillig natürlich niemand.)
Das Problem ist nämlich, dass die Stadtväter dem wilden Bauen ein Ende bereiten wollten (was auch dringend nötig ist, wenn man sich das Straßenbild einmal anschaut), sich allerdings kaum jemand darum schert und wenn doch, dann sind das solche wie wir, die in einem entwickelten Land nicht mit Behördenwillkür rechnen, an denen aber alle Exempel statuiert werden, die immer schon mal fällig waren.
Erst dachten wir, das sitzen wir aus. Doch jetzt wollen wir unserem kleinen Tal den Rücken kehren und das Haus verkaufen (warum, wieso, weshalb ist Thema beim nächsten Mal). Und da waren sie plötzlich wieder da, unsere drei Probleme. Um es kurz zu machen: Wir bekommen keine Bauabnahme, weil wir angeblich gegen das sogenannte Zoning verstoßen (das soll für ein einheitliches Straßenbild sorgen, aber das hatten wir ja schon). Besonders bemerkenswert ist, dass es für unsere Gegend eine Ausnahmeregelung gibt und wir das Gesetz damit auf unserer Seite haben. Nur leider interessiert das die Damen und Herren der Stadt herzlich wenig. Diese Ausnahmeregelung hätten sie noch nie angewendet, wir müssten uns eine Ausnahmegenehmigung besorgen und wenn uns das nicht passt: „Go to court!“.
Da wünscht man sich doch, man hätte in irgendeiner Bananenrepublik renoviert. Da hätte man nämlich von Anfang an für wehrige Beamte, die sich ihre Gesetze gerne selbst basteln, ein paar Tausender beiseite gelegt und könnte jetzt in Ruhe sein Leben leben.
Wie war das noch? Wenn dumme Menschen Macht haben… Was dabei rauskommt, erlebt man nicht nur täglich bei der Einreise in die USA, sondern auch bei den Behörden der Stadt Toronto.
Add comment März 9, 2007
Canada goes green
Am Wochenende fand in Montreal die Liberal Leadership Convention statt, um einen neuen Partei-Vorsitzenden zu wählen, der die Liberalen zurück an die Macht führt.
Als Paul Martin Anfang des Jahres die Wahl gegen Stephen Harper verloren hatte, trat er auch als Vorsitzender der Liberalen zurück. Seitdem führte Bill Graham die Partei – was von Anfang an nur als Zwischenlösung geplant war. Damit sollte an diesem Wochenende Schluss sein.
Freitagabend hielten alle Kandidaten (acht an der Zahl, darunter eine Frau) ihre Abschlussreden vor den Delegierten. Jeder hatte eine halbe Stunde Zeit und jeder ließ sich entweder durch ein Video (allesamt eher schlecht als recht gemacht) oder einen Vorredner (was eindeutig mehr Stimmung brachte) ankündigen.
Natürlich rechnete jeder der Kandidaten mit den Konservativen ab; das war nicht anders zu erwarten gewesen. Eine Überraschung war für mich, wieviel Zeit nahezu alle Redner auf das Thema Umweltschutz verwendeten. Man kam sich fast vor wie auf einem Parteitag der Grünen (nur dass die hier nichts zu melden haben und sich daran wohl auch wenig ändern wird, wenn die Liberalen nun die Welle abreiten). Die Rede von Michael Ignatjeff, dem Favoriten, fand ich zwar wenig überzeugend, aber nach den ersten beiden Wahldurchgängen lag er eindeutig in Führung. Gewählt wird solange, bis einer der Kandidaten mehr als 50% der Stimmen erhält. Dabei scheidet jeweils der am schlechtesten platzierte Kandidat aus, andere können auch freiwillig zurücktreten. Den dritten und dann den entscheidenden vierten Durchgang gewann der anfangs nur viertplatzierte Stephane Dion, gebürtiger Quebecois mit hörbaren Schwächen in der englischen Sprache.
Eine erste Umfrage bestätigt, dass Dion eine gute Wahl war. Aktuell würden 37% der Kanadier die Liberalen wählen (+ satte 5%) und nur noch 31% die Konservativen. Ob sie diesen Vorsprung werden halten können, ist laut Analysten allerdings fraglich.
Add comment Dezember 5, 2006
Aufgewärmt schmeckt’s nicht immer besser
Anfang der Woche hat das Parlament beschlossen, dass die Quebecois zukünftig „as a nation within an unified Canada“ anerkannt werden. Seitdem debattiert das Land darüber, was eine Nation eigentlich ist und ob Kanada nun keine mehr sei, wenn Quebec doch schon eine wäre. Unklar ist ebenfalls, ob nur die französischsprechenden Quebecois eine Nation darstellen oder ob sich die englischsprachigen Quebecer auch als solche bezeichnen dürfen. Denn in der Provinz Quebec nimmt man es, anders als in allen anderen Provinzen, mit dem Bilingualismus nicht so genau und wer des Französischen nicht mächtig ist, steht im Alltag ziemlich dumm da.
Es ist nun nur noch eine Frage der Zeit, bis die seit ewigen Zeiten aktive Separatistenbewegung einen erneuten Vorstoß wagen wird. Und je länger dieser Streit schwelt, desto mehr gemäßigte Kanadier sind die Diskussion leid und würden die Provinz, die nur Schwierigkeiten macht und Geld kostet, lieber heute als morgen loswerden. Bisher brachten entsprechende Abstimmungen in Quebec mehr oder weniger eindeutige Ergebnisse gegen eine Abspaltung. Vielleicht sollten einmal die Kanadier der anderen Provinzen darüber abstimmen.
Der Antrag, Quebecois als Nation anzuerkennen, wurde interessanterweise von unserem PM persönlich eingebracht (man munkelt, um einem gleichlautenden Antrag des Bloc Quebecois zuvor zu kommen) und mit einer überwältigenden Mehrheit von 266 zu 16 Stimmen von nahezu allen Abgeordneten angenommen. Mit den Vorsitzenden der anderen Parteien hatte sich Stephen Harper auch im Vorfeld abgestimmt – leider aber nicht mit dem zuständigen Intergovernmental Affairs Minister aus seinem Kabinett, der den ausgerufenen Abstimmungszwang der Minister dann auch nicht mit seinem Gewissen vereinbaren konnte und zurücktrat. Ein bisschen Schwund ist immer und wird vom PM gern in Kauf genommen, wenn er nur seinen Willen bekommt.
Als nächstes steht die same sex marriage, legalisiert im Sommer letzten Jahres, auf seiner Agenda und eine ‘Reform’ des Abtreibungsrechts wird dann auch nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Langsam wird es Zeit, dieses Land wieder zu verlassen, bevor es sich als 51. Bundesstaat freiwillig den USA anschließt.
Add comment November 30, 2006
Peace
Am 11. November war also Remembrance Day. Und während in Deutschland schunkelnd die fünfte Jahreszeit eingeläutet wurde, setzten die Kanadier ihre Sauerbittermiene auf und gedachten den Veteranen. Schon schade, wenn man keine berühmten Komponisten, Maler oder Schriftsteller hat, die man feiern könnte. Und leider fristen auch die Ureinwohner Kanadas, deren Geschichte ein Gedenken wirklich wert wäre, ein mehr oder weniger alkohol- und drogenvernebeltes Dasein in ihren Reservaten und sind so kein guter Anlass für Feierlichkeiten. Bleiben also nur die Soldaten, die am ersten und zweiten Weltkrieg teilgenommen haben oder jetzt in Afghanistan kämpfen.
Interessanterweise gedenkt niemand der Opfer oder spricht über die Schäden, die angerichtet wurden. Keiner erhebt seine Stimme gegen den Krieg. Ganz im Gegenteil. Jugendliche Modepüppchen, die normalerweise genervt das Haus verlassen, wenn Opa zu Besuch kommt, danken WWI-Veteranen tränenreich dafür, dass sie ihre Freiheit verteidigt haben. Ständig stolpert man über Freiwillige, die Geld sammeln und von denen man diese unseligen Plastikmohnblumen bekommt, die man sich ans Revers stecken soll – was natürlich auch fast alle tun. Und im Fernsehen laufen den ganzen Tag lang lustige Kriegswerbefilmchen über die siegreichen Kämpfer – natürlich ohne auch nur eine einzige Leiche oder ein zerstörtes Haus zu zeigen.
Vielleicht finde ich dieses Verhalten nur deshalb so krank, weil ich eine Deutsche bin und schon in der Schule gelernt habe, dass Krieg nichts als Leid und Schrecken bedeutet. US-Amerikaner, Franzosen und Engländer denken ebenso wie die Kanadier ganz anders (und zumindest die Froschschenkel-Griller und Rinderwahn-Erfinder können durchaus auf eine gewisse Kultur zurückblicken) und verherrlichen die Kriege, an denen sie teilgenommen haben, mit der Verehrung ihrer Veteranen.
Kriege bringen Tod und Zerstörung; sie sind durch nichts zu rechtfertigen. Gewalt kann keine Voraussetzung für Freiheit sein. Menschen, die andere Menschen töten, (auch wenn sie Soldaten sind) sind keine Helden.
Add comment November 21, 2006
And the winner is
Wie erwartet ist David Miller als Bürgermeister wiedergewählt worden. Leider sogar ziemlich eindeutig, was er natürlich als Bestätigung versteht, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen. Allerdings kann man diese Eindeutigkeit bei einer Wahlbeteiligung von 41% auch durchaus anzweifeln. 1,42 Millionen Torontonians waren wahlberechtigt, weniger als 600.000 haben tatsächlich gewählt (David Miller erhielt 332.765 Stimmen, seine einzige Ernst zu nehmende Gegenkandidatin Jane Pitfield kam auf 188.700).
Natürlich gibt es mehr oder weniger sinnvolle Diskussionen über die Ursachen der niedrigen Wahlbeteiligung. Soll man die Wahl per Internet einführen oder Wählen als Pflicht gesetzlich verankern – an Ideen mangelt es nicht. Am Sonntag vor der Wahl stand ein Artikel im Toronto Star, in dem die These aufgestellt wurde, dass die Wahllisten das eigentliche Problem seien.
Da es kein Einwohnermeldeamt gibt, werden die Daten von Führerscheinstellen, Vermietern, Strom- und Gasunternehmen usw. gemeldet. Die sind nicht immer aktuell und die letzte von-Tür-zu-Tür-Befragung ist schon viele Jahre her (und die Torontonians sind sehr mobil). So kommt es, dass manche mehrfach in den Listen auftauchen, andere gar nicht und wieder andere längst nicht mehr (hier) leben. Der Artikel ließ die Dimension dieser Ungenauigkeiten in den Wahllisten offen und ich vermute hinter der geringen Wahlbeteiligung eher den Ausdruck der allseits beliebten „Mind your own business“-Mentalität.
Die Leute interessieren sich einfach nicht für das, was um sie herum geschieht; ihr Interesse gilt ausschließlich ihrer persönlichen Situation. Sie wollen nicht, dass sich jemand bei ihnen einmischt und deshalb mischen sie sich auch nicht ein. Das gilt für angestammte Torontonians genauso wie für die vielen Immigranten, die hierher kommen und alles andere im Sinn haben, als sich politisch zu engagieren. Denn wenn man nach Mississauga schaut, das ein enormes Bevölkerungswachstum besonders durch Einwanderer erfährt, bekommt man angesichts der offenkundigen Gleichgültigkeit direkt eine Gänsehaut. In den letzten beiden Wahlen lag die Wahlbeteiligung bei sage und schreibe 26%. Diesmal waren es sogar nur noch 25%. Ein desaströser Wert für die immerhin sechstgrösste Stadt Kanadas.
Hazel McCallion, die Frau, die seit fast 30 Jahren für den Aufbau der Retortenstadt Mississauga verantwortlich ist und damit eine der hässlichsten und menschenunfreundlichsten Städte der Welt geschaffen hat, wurde mit einer überwältigenden Mehrheit von 91,4% (gut 98.000 Stimme von rund 110.000) aller abgegebenen Stimmen zum elften Mal wiedergewählt. Mittlerweile ist sie 85 und man kann nur hoffen, dass sie ein Einsehen hat, sich vor dem Ende ihrer Amtszeit aus der Politik zurückzieht und nicht noch mehr Schaden anrichtet.
Add comment November 17, 2006
Vote or die
Am 13. November wird ein neues Stadtparlament für Toronto gewählt – nicht nur die Councillor, sondern auch der Bürgermeisterposten stehen zur Wahl. Für deutsche Verhältnisse ist es ungewöhnlich, nicht an einem Sonntag zu wählen, schaut man sich aber mal im Ausland um, sind die Kanadier nicht die einzigen, die den Sonntag meiden.
Torontonians können aber nicht nur am 13.11. wählen, sondern durften auch vom 23. bis zum 27.10. und vom 30.10. bis zum 01.11. und dann noch mal am 04. und 05.11. abstimmen! Ob man das als Service am Mitbürger oder reine Verzweiflung über die Wahlmüdigkeit verstehen möchte, bleibt jedem selbst überlassen. Auch die Tatsache, dass die Wahlunterlagen in den Sprachen Englisch, Französisch, Arabisch, Chinesisch, Griechisch, Italienisch, Koreanisch, Farsi, Polnisch, Portugiesisch, Russisch, Spanisch, Punjabi, Tamil, Ukrainisch, Tagalog, Urdu und Vietnamesisch angeboten werden (und wem das nicht reicht, der kann auch einen Übersetzer anfordern), verwundert mich ein wenig. Ich dachte, dass die Beherrschung der englischen oder französischen Sprache eine Voraussetzung für die Erlangung der kanadischen Staatsbürgerschaft sei.
Doch auch die Werbung im Vorfeld der Wahl ist ganz anders, als ich es aus Deutschland kannte. Hier gehen die Kandidaten nämlich in ihrem Wahlbezirk von Haus zu Haus, verteilen Prospekte (oder Säcke für Gartenabfälle wie bei uns), halten ein Schwätzchen, werben um Spenden und fragen, ob sie ihr Plakat im Garten aufstellen dürfen. So kam es, dass Gerold am vorletzten Wochenende unserem Councillor Bill Saundercook die Hand schütteln durfte, den Abfallsack in Empfang nahm, ihn direkt auf das Thema Verkehrsberuhigung in unserer Strasse ansprach (ich will endlich ein paar Bumper haben, damit es den Leuten, die meinen, in unser kleines Tal reinrasen zu müssen, die Achsen weghaut) und ihm erlaubte, ein kleines Schild mit seinem Namen in unsere Einfahrt zu stellen. Wir dürfen zwar immer noch nicht wählen und wenn unser Auto in der Einfahrt steht, sieht man das Schild auch nicht mehr, aber meinetwegen können auch die anderen Kandidaten ihre Schilder bei uns aufstellen. Solange wir damit den furchtbaren Wahlplakaten entgehen, die in Deutschland vor jeder Wahl nerven, stelle ich unseren Vorgarten gern zur Verfügung.
Add comment November 6, 2006