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Nicht nur nicht sauber, sondern auch nicht rein
Es hat mich einiges an Überwindung und einen großen Schluck Wein gekostet, dieses hier zu schreiben: Ich fand unsere kanadische Waschmaschine (von Kenmore) besser als unsere deutsche (von Bosch), die wir uns hier neu zugelegt haben. Nicht nur das mehr rein ging (obwohl die gute Bosch auch 8 kg fasst) und die Programme nicht so lange dauerten; sie wusch einfach sauberer.
Das musste ich quasi unter Laborbedingungen feststellen – die Möbelpacker hatten nämlich unser kanadisches Waschmittel mit eingepackt. Und unter Verwendung eben dieses Waschmittels habe ich Fritzis Kleidung, auch ein paar Stücke mit Malör dabei, gewaschen. Fleckenfrei sauber konnte man das Ergebnis leider nicht nennen.
Nun tröstet mich, dass meine alte Kenmore bei Bauknecht in Deutschland hergestellt wird (woher die neue Bosch kommt, weiß ich gar nicht) und so irgendwie doch die ‘Made-in-Germany-Fahne’ hochgehalten wird.
1 comment Mai 29, 2007
Farewell Tour 2007
Abschiedsessen mit Gerolds Abteilung, Abschiedsfeier mit Gerolds Kollegen, diverse Abschiedstreffen mit lieben Menschen, ein letztes Mal hierhin und dorthin – unser Programm ist dieser Tage gespickt mit traurigen Momenten. Ich glaube, der Abschied von Deutschland (nicht der von der Familie und den Freunden) fiel mir damals leichter. Das ewige Gejammer, die miesepetrigen Gesichter, diese Vollkasko-Mentalität und dazu eine politische Kaste, die fernab jeglicher Realität in ihrer eigenen Welt vor sich hin regiert. Ich hatte die Nase gestrichen voll von Deutschland. In Kanada konnte es nur besser werden.
War es am Anfang auch. Aber irgendwann holt einen der Alltag ein, nicht alles ist mehr neu und man fängt an die Dinge zu sehen, die natürlich auch hier im Argen sind. Man erinnert sich an Sachen, die selbstverständlich und eigentlich ziemlich gut waren. Und schließlich vermisst man manches und schlittert in eine ausgewachsene Krise, wenn es ums Verrecken nicht zu bekommen ist.
Ich möchte unsere Zeit hier nicht missen und wäre gerne noch ein bisschen länger geblieben – allerdings niemals für immer. Denn: Kein Land ist perfekt und die grosse Kunst besteht darin, das zu finden, das einem am meisten zusagt. Und manchmal muss man dazu erstmal woanders hin.
Wir haben in Kanada festgestellt, dass wir zu deutsch für den „American way of life“ sind. Nach Deutschland zurück möchte ich im Moment aber trotzdem nicht. Denn das, was ich bei Spiegel Online und tagesschau.de lese, geht mir oft genug auf die Nerven und ich merke, dass ich einfach noch eine Pause brauche, bevor ich mich wieder dauerhaft in Deutschland niederlasse.
PS: An Stephanie, die in einem Kommentar um Tipps zur Auswanderung nach Kanada bat: Ich bin endlich dazu gekommen, Dir zu antworten, aber meine mail kam unzustellbar zurück. Falls Du weiterhin interessiert bist, kannst Du Dich ja noch einmal melden.
Add comment März 25, 2007
Hitparade
Drei fleißige Kanadier haben die Hälfte unseres Hausstands verpackt, Fritzi schläft auf meinem Schoss und Gerold ist unterwegs. Zeit also für die ultimativen Top 12 und 13 der Dinge, die ich vermissen werde oder auch gerne hinter mir lasse (in der Hoffnung, dass es endlich mal jemanden davon abschreckt, nach Kanada auswandern zu wollen – Ich liebe deutsche Land!):
Zuerst „I’ll miss you“:
- Die Toronto Raptors und den Raptor – Jetzt haben sie endlich mal die Chance auf die Playoffs und ich bin nicht dabei!
- Den unglaublich blauen Himmel, der depressiven Winterverstimmungen keine Chance lässt.
- Die äußerst praktischen Öffnungszeiten – Wie soll ich mich nur wieder an Supermärkte gewöhnen, die sonntags geschlossen haben?
- Pommes mit Käseklumpen und Bratensauce, auch Poutine genannt – Bedarf keiner Erklärung, oder?
- Das Rauchverbot in Lokalen – Endlich mal eine Verbot, das wirklich die Lebensqualität erhöht.
- Ausreichend und zumeist kostenlose Parkplätze direkt vor der Haustür – In Paris wird Parken wieder ein kleines Vermögen kosten.
- Poop and Scoop – Zumindest tagsüber und im Sommer sammeln die Hundebesitzer den Dreck ihrer vierbeinigen Freunde auf.
- Das Lunchbuffet bei Mandarin – Sehr wichtig für die stillende Mutter; wenigstens einmal pro Woche richtig satt essen!
- Halloween, der gruselige Höhepunkt des Jahres – Spooky!
- Meinen Garten und all die Kumpels die darin kreuchen und fleuchen – Nicht nur diverse Hundertschaften von Eichhörnchen und Waschbären, sondern auch Kardinäle und Blue Jays, nicht zu vergessen die wunderschönen Schmetterlinge, die im Sommer vorbeischauen.
- Unseren deutschen Zahnarzt, den es auch nach Toronto verschlagen hat – Ich gehe eh gern zum Zahnarzt und wenn es ein guter ist, so wie dieser hier, dann noch viel lieberer!
- Die dicken Trucks und Schneeräumfahrzeuge – Ich habe eine Schwäche für Brummis, übrigens auch für Lagertechnik; ein vollautomatisches Hochregallager bringt mich schon in Wallung.
Und nun „TGIF“:
- Das Thema Umwelt in allen Variationen – Sei es nun die unsägliche Robbenjagd, der Müll, der überall rumliegt, die Klimaanlagen, die den ganzen Sommer über laufen; everybody talks green but nobody acts green.
- Der Autoverkehr – Zum einen haben die vier Räder natürlich immer Recht, zum anderen machen die völlig kaputten Straßen und die total überforderten Fahrer in ihren schrottreifen Karossen Autofahren zu einer Erfahrung, auf die man gerne verzichtet.
- Und wo wir oben schon die Lebensqualität hatten – Die Auswahl an leckeren Joghurts ist doch sehr beschränkt (ich habe in zwei Jahren keinen gefunden), Quark gibt es gar nicht und über Käse und Wein reden wir lieber einfach nicht. Richtig gute Lebensmittel sind schwer zu finden.
- Tierschutz ist hier kein Thema, jagen und töten gehören zur Canadian Heritage, dafür schröpfen die Tierärzte diejenigen, die ihr Haustier lieben, über alle Maßen – Entweder lässt man sein Viech leiden oder legt ein Sparkonto an.
- Mind your own business – Selten habe ich mehr Ignoranz erlebt.
- Die extrem schwankende Luftfeuchtigkeit – Im Sommer gart man subtropisch im eigenen Saft, im Winter schuppt sich die Haut.
- Ein Königreich für einen bullernden Heizkörper – Ich ertrage diese laut pustende Heizung, die die Luft noch trockener macht, einfach nicht mehr.
- Die Krankenversicherung ist zwar günstig, aber was nützt das, wenn man keinen Arzt findet? – Ärztemangel in der Ersten Welt, ein Armutszeugnis.
- Strommasten verschandeln zusätzlich das Straßenbild, das bei der kanadischen Bauweise sowieso keins ist – Was in Deutschland ein sozialer Brennpunkt wäre, ist hier ein ganz normales Wohngebiet.
- Wie freue ich mich darauf, Menschen in richtigen Hosen und Hemden oder Blusen zu sehen – Hoffentlich bekomme ich beim ersten Jogginganzug nicht gleich einen Anfall.
- Das Bankenwesen lebt hier nicht nur hinterm Mond, sie lassen sich das auch noch teuer bezahlen – Horrende Gebühren für Null Servivce.
- Endlich nicht mehr über das Fernsehprogramm aufregen – Monopolistisch überteuerte Dauerwerbesendungen, die gelegentlich von Nachrichten oder anderem unterbrochen werden.
- Die Stromversorgung ist einfach ein Witz! – Rewiring Canada!
5 comments März 21, 2007
Peabrains
So nennt unser Nachbar Bill, ein sehr netter und sehr rüstiger Rentner, alle diejenigen, die uns bei Ämtern und Behörden das Leben schwer machen – Recht hat er! Aber ich leider nicht meine Ruhe.
Schon während der Renovierung unseres kleinen gelben Hauses (damals war es noch durchfallfarben) haben wir eine kaum zu ertragende Sehnsucht nach einem deutschen Bauamt mit geregelten Zuständigkeit und Vorschriften für alles und jeden entwickelt. Damals waren wir ja nun wirklich noch nicht lang im Land, aber hatten doch relativ schnell die Nase voll davon, von A nach B und von dort wieder zurück geschickt zu werden. Vor allem weil während so einer Bauphase Zeit Geld ist und wir trotz regelrechter Marathonläufe durch die Behördenflure nicht weiterkamen. (Die gleichen Erfahrungen machen wir übrigens auch gerade mit der Geburtsurkunde, dem Pass und der Social Insurance Number für Fritzi – links weiß nicht, was rechts macht und wenn rechts dann doch zuständig ist, müssen wir mindestens dreimal wiederkommen, weil immer etwas fehlt; was aber alles erforderlich ist, sagt uns freiwillig natürlich niemand.)
Das Problem ist nämlich, dass die Stadtväter dem wilden Bauen ein Ende bereiten wollten (was auch dringend nötig ist, wenn man sich das Straßenbild einmal anschaut), sich allerdings kaum jemand darum schert und wenn doch, dann sind das solche wie wir, die in einem entwickelten Land nicht mit Behördenwillkür rechnen, an denen aber alle Exempel statuiert werden, die immer schon mal fällig waren.
Erst dachten wir, das sitzen wir aus. Doch jetzt wollen wir unserem kleinen Tal den Rücken kehren und das Haus verkaufen (warum, wieso, weshalb ist Thema beim nächsten Mal). Und da waren sie plötzlich wieder da, unsere drei Probleme. Um es kurz zu machen: Wir bekommen keine Bauabnahme, weil wir angeblich gegen das sogenannte Zoning verstoßen (das soll für ein einheitliches Straßenbild sorgen, aber das hatten wir ja schon). Besonders bemerkenswert ist, dass es für unsere Gegend eine Ausnahmeregelung gibt und wir das Gesetz damit auf unserer Seite haben. Nur leider interessiert das die Damen und Herren der Stadt herzlich wenig. Diese Ausnahmeregelung hätten sie noch nie angewendet, wir müssten uns eine Ausnahmegenehmigung besorgen und wenn uns das nicht passt: „Go to court!“.
Da wünscht man sich doch, man hätte in irgendeiner Bananenrepublik renoviert. Da hätte man nämlich von Anfang an für wehrige Beamte, die sich ihre Gesetze gerne selbst basteln, ein paar Tausender beiseite gelegt und könnte jetzt in Ruhe sein Leben leben.
Wie war das noch? Wenn dumme Menschen Macht haben… Was dabei rauskommt, erlebt man nicht nur täglich bei der Einreise in die USA, sondern auch bei den Behörden der Stadt Toronto.
Add comment März 9, 2007
Das Böse ißt immer und überall
Ich war früher auch mal so. Legendär ist wohl die Begebenheit, als sich ein Kollege zu einem Plausch mit mir auf meinen Schreibtisch setzte (bestimmt ganz in Gedanken und nichts Böses im Sinn). Die Panik in meinen Augen fiel ihm nicht auf, aber als er weg war, habe ich eiligst die Schreibtischplatte mit Sagrotanspray entkeimt. Ohne Desinfektionsspray oder -tücher bin ich nie aus dem Haus gegangen. Dann kam unser Urlaub in Indien – mit Lebensmittelvergiftung und allem drum und dran. Seitdem bin ich geheilt und robbe sogar durch enge Höhlen voller Fledermausdreck.
Wären wir also vor unserem Urlaub im Land der Yogameister hierher gezogen, ich wäre unter meinesgleichen gelandet und hätte meine Phobie-Liste um den sogenannten „Double Dipper“ ergänzt und nichts dabei gefunden. Als Double Dipper werden diejenigen bezeichnet, die z. B. einen Nacho nehmen, eindippen, abbeißen und wieder eindippen – und zwar mit der Bißseite, igittigitt.
Zwischen den Feiertagen führte nun der Radiosender „The Edge“ – Musik für die Leute, die es etwas rockiger mögen – eine Umfrage durch, ob Chips zum Dippen oder solche mit Geschmack aus hygienischen Gründen vorzuziehen seien. Das Publikum konnte sich nicht recht einig werden. Denn wenn man Chips zum Dippen auf dem Tisch hat, ist der gefürchtete Double Dipper meist nicht weit. Bei Chips mit Geschmack besteht dagegen die Gefahr, dass mindestens einer dabei ist, der sich die Finger nach dem Essen ableckt und mit eben diesen Fingern wieder zugreift. Und das wäre, wie ein Hörer ungerührt feststellte, als ob man für Al Quaida kämpfen würde. Na dann, guten Appetit!
PS: Eigentlich hatte ich ja den Start meiner Trilogie „Schwanger in Kanada“ versprochen, aber ich wollte Euch die gesundheitlichen Aspekte des Chipsessens nicht vorenthalten. Mehr zum Thema dicker Bauch beim nächsten Mal.
Add comment Januar 8, 2007
Mein Freund der Baum
Ist zwar noch nicht tot, aber wenn nicht doch noch ein kleines Wunder geschieht, wird er es in paar Tagen sein.
Der Baum des Anstoßes ist in diesem Falle eine stattliche Eiche, die einer Strassenverbreiterung weichen soll. Nun ist genau diese Eiche nicht irgendeine Eiche, sondern vermutlich diejenige, der das Städtchen Oakville, in dem viele von Gerolds deutschen Kollegen ihr schmuckes Eigenheim bewohnen (Deutsche und Eichen gehören einfach überall in der Welt zusammen), ihren Namen verdankt. Darüber hinaus ist der stolze Baum mehr als 250 Jahre alt und damit immerhin älter als es Kanada im nächsten Jahr wird (die Provinzen Ontario, Quebec, Nova Scotia und New Brunswick gründeten erst 1867 die Dominion of Canada).
Bringen die Stadtväter und -mütter dem Ur-Baum, wie man ihn wohl nennen darf, deshalb den ihm gebührenden Respekt entgegen? Natürlich nicht, denn – wie die Kassiererin in unserem deutschen Supermarkt so schön sagte – „Kanada hoppelt in allem eben immer ein bisschen hinterher“. Und eine schöne breite Strasse ist in diesem Land immer noch gleichbedeutend mit Fortschritt, auch wenn sie schon direkt nach ihrer Einweihung wahrscheinlich mehr Schlaglöcher aufweist als der kleine Weg zum Haus meiner Oma.
Ein paar Unbelehrbare gibt es aber dennoch und die protestieren nun gegen die Abholzung und sammeln Spenden, um damit die Umleitung der Strasse zu finanzieren. Und wer weiß, vielleicht gelingt es ihnen ja tatsächlich, dieses kleine Wunder zu vollbringen.
Add comment Dezember 11, 2006
Dein Freund und Helfer
Sehr frei nach dem Motto „To serve and protect“ sind mir am Wochenende dieser und jener Artikel aufgefallen. Nach der Lektüre fühlte ich mich schon gleich viel sicherer.
Jetzt würde mich nur noch interessieren, ob die Häufigkeit der Nutzung von Tasern (oder zumindest die Bereitschaft dazu) auch proportional zum Leibesumfang ansteigt.
Add comment Dezember 4, 2006
Fa La La La La, La La La La
Mit der Santa Clause Parade beginnt nicht nur die Saison der Lichterketten, sondern EZ Rock – eine Radiostation aus Toronto – stellt auch ihr Programm um. Bis Weihnachten müssen oder dürfen wir, wie auch immer man es sehen mag, auf 97,3 rund um die Uhr Weihnachtslieder anhören (wobei man von den 24 Stunden gefühlte 23,5 Stunden für die Werbung abziehen muss).
Im letzten Jahr fand ich es ganz toll, durch den Schnee zu fahren, unseren Allradantrieb zu testen und dabei Jingle Bells zu summen. Dieser November war leider schneefrei und glich mehr dem ungeliebten Hamburger Schmuddelwetter. Also konnte ich das Schneeverhalten unseres neuen Autos – ein BMW X5 – noch nicht testen. Gespannt bin ich ja schon, denn so ein X5 ist doch um einiges bulliger als der ‘kleine’ CR-V, den ich immer noch irgendwie vermisse. Zumindest sind die Running Boards kein blöder Schnickschnack, sondern ermöglichen es einem, ohne fremde Hilfe ein- und aussteigen zu können – doof aussehen tut es trotzdem. Und die geräuschvolle Einparkhilfe ist kein Zugeständnis an Frauen, die das Lenkrad nie ganz einschlagen, sondern für Kinder und Tiere schlicht überlebenswichtig, weil sie sowohl vor der Motorhaube als auch hinter dem Heck völlig verschwinden. Interessant ist auch, dass das – zugegeben imposante – Schiebedach bei Dauerregen genauso undicht ist wie das von unserer alten A-Klasse. Wirkliche Spitzenqualität ist das nicht.
Aber ich schweife vom Thema ab, denn eigentlich wollte ich keinen Fahrbericht abliefern, sondern ein bisschen in Erinnerungen an die guten alten Weihnachtsbräuche schwelgen, die man hier nicht kennt.
Da wäre z.B. die Adventszeit – völlig unbekannt. Kein gemütliches Kekseknabbern an den Adventssonntagen und auch kein Adventskranz mit vier Kerzen; schließlich ist Sonntag Einkaufstag und da hat man keine Zeit für ein bisschen Besinnlichkeit. Vereinzelt sieht man mal einen Adventskalender im Supermarkt (Countdown Calendar), aber nur solche von der Sorte, bei denen die Verpackung besser schmeckt als der Inhalt.
Dann das Thema Weihnachtsmarkt. Schon wenn man versucht, den Leuten zu erklären, was das ist, stößt man auf ungeahnte Schwierigkeiten. Glühwein, Grog, Weihnachtsbier – im Freien, ohne Einzäunung, man darf sich mit seinem Becher frei bewegen? Unvorstellbar! Bratwürstchen (keine Hot Dogs!), Reibekuchen und danach ein Crepe? Wer isst denn sowas? Verkaufsstände mit Baumschmuck oder Spielzeug aus Holz oder selbstgezogenen Kerzen? Da kauft man die Kugeln aus Plastik und die Lichterketten doch lieber in der beheizten Mall ein.
Überhaupt sind Kerzen und echtes Grünzeug so ein Thema für sich. Baumkerzen gibt es schon einmal gar nicht zu kaufen (einer unserer Nachbarn behauptet sogar steif und fest, dass sie verboten wären). Und auch echte Tannenbäume sind schwer zu bekommen – die sicherste Quelle ist noch Ikea, da bekommt man dann auch einen Einkaufsgutschein dazu und sie pflanzen wenigstens wieder neue Bäume an.
Die Tannenbäume werden für gewöhnlich weiter im Norden geschlagen und zwar rechtzeitig vor dem ersten Frost. Das bedeutet, dass sie, wenn es dann soweit ist, schon ziemlich ausgetrocknet hier ankommen. Rechnet man die sehr niedrige Luftfeuchtigkeit im Winter und die Bauweise der Häuser hinzu, ergibt sich daraus dann schon eine recht explosive Mischung und die Panik vieler Kanadier vor echten Kerzen wird ein bisschen verständlicher. Allerdings sind die Billig-Lichterketten aus Fernost, die hier ohne jegliche technische Prüfung verramscht werden, auch nicht weniger leicht entzündlich.
Insgesamt ist die Vorweihnachtszeit wohl die Zeit, in der wir am deutlichsten merken, dass der Canadian way of life nicht unbedingt auch unser Weg ist.
Add comment Dezember 3, 2006
Hohoho!
Am letzten Sonntag fand die 102. Santa Clause Parade statt und damit fiel auch der Startschuss für die Weihnachtsdekoration in/an Haus und Garten. Es gibt natürlich immer einige Übereifrige, die vor Halloween (eine Todsünde) ihre Weihnachtsmänner vor der Haustür aufstellen, aber die allermeisten warten eben bis zu diesem magischen Datum. Wir sind noch nicht in Weihnachtsstimmung, gingen also nicht zur Parade und bisher ziert keine Lichterkette unseren Baum im Vorgarten. Ganz anders sieht es bei unseren Nachbarn zur Rechten und zur Linken aus.
Der Kunsttannenbaum ist schon voll behangen mit Kugeln, Lametta, Girlanden und der unvermeidlichen Lichterkette. Die Fenster sind geschmückt und natürlich ihre Hecke (einen Baum haben unsere Nachbarn rechts nämlich nicht). Auch die Nachbarn links haben schon die Lichterketten ans Haus getackert, drei leuchtende Rentiere aufgestellt (die ‘täuschend’ echt den Kopf heben und senken), dazu gesellen sich noch zwei blinkende Marienbilder. Wir haben an diesem Wochenende zumindest schon einmal untersucht, warum an unserem Lichterkettennetz im letzten Jahr nur dreiviertel aller Lampen gebrannt haben.
Und noch eine weitere Enttäuschung musste ich während meiner ersten kanadischen Weihnachtszeit verarbeiten. Als erklärter Grinch-Fan machte mein kleines Herz einen wahren Salto Mortale, als ich in einem Baumarkt ein aufblasbares Gebilde entdeckte, das den Grinch, seinen Hund und den Schlitten mit den geklauten Geschenken darstellte. Gesehen, gekauft! Vorbei die Zeiten, in denen ich mich mit dem Zeichentrickfilm, dem Hörspiel, der geschriebenen Geschichte oder dem Remake auf DVD zufrieden geben musste, nun hatte ich einen Grinch zum Anfassen!
Ihr ahnt es schon, die Glückseligkeit hielt nicht lange. Nicht, dass die Figuren irgendwie schlecht gemacht gewesen wären – was mich auf den Boden der Tatsachen zurückholte, war der Betrieb des Ganzen. Man konnte es nämlich nicht einfach aufpusten, wie ein Zelt im Vorgarten verankern und sich freudestrahlend davor hinstellen und ein Weihnachtsliedchen trällern. Das Ding musste die ganze Zeit über an eine Stromquelle angeschlossen sein, damit das Gebläse funktionierte und es in Form hielt. Unterbrach man die Stromzufuhr, sackte es in sich zusammen und lag wie ein Häuflein Elend am Boden. Sollte es in diesem Zustand schneien, hätte man seine liebe Not damit gehabt, es wieder aufzurichten. Mal ganz davon abgesehen, dass der Gebläse-Lärm jeden Trällerdrang im Keim erstickte. Also brachte ich meine erste richtige Grinch-Figur schweren Herzens wieder zurück zum Baumarkt. Ein schwarzer Tag in meinem Leben.
Als kleinen Ersatz fand ich kurze Zeit später wenigstens ein Grinch-Stofftier und vor drei Wochen habe ich doch tatsächlich im Fernsehen eine Moderatorin in einem Grinch-Kostüm gesehen. Mittlerweile habe ich auch die Quelle ausgemacht und vielleicht kann ich Gerold ja überreden, an Heilig Abend darin die Frikadellen zu brutzeln.
2 comments November 26, 2006
Peace
Am 11. November war also Remembrance Day. Und während in Deutschland schunkelnd die fünfte Jahreszeit eingeläutet wurde, setzten die Kanadier ihre Sauerbittermiene auf und gedachten den Veteranen. Schon schade, wenn man keine berühmten Komponisten, Maler oder Schriftsteller hat, die man feiern könnte. Und leider fristen auch die Ureinwohner Kanadas, deren Geschichte ein Gedenken wirklich wert wäre, ein mehr oder weniger alkohol- und drogenvernebeltes Dasein in ihren Reservaten und sind so kein guter Anlass für Feierlichkeiten. Bleiben also nur die Soldaten, die am ersten und zweiten Weltkrieg teilgenommen haben oder jetzt in Afghanistan kämpfen.
Interessanterweise gedenkt niemand der Opfer oder spricht über die Schäden, die angerichtet wurden. Keiner erhebt seine Stimme gegen den Krieg. Ganz im Gegenteil. Jugendliche Modepüppchen, die normalerweise genervt das Haus verlassen, wenn Opa zu Besuch kommt, danken WWI-Veteranen tränenreich dafür, dass sie ihre Freiheit verteidigt haben. Ständig stolpert man über Freiwillige, die Geld sammeln und von denen man diese unseligen Plastikmohnblumen bekommt, die man sich ans Revers stecken soll – was natürlich auch fast alle tun. Und im Fernsehen laufen den ganzen Tag lang lustige Kriegswerbefilmchen über die siegreichen Kämpfer – natürlich ohne auch nur eine einzige Leiche oder ein zerstörtes Haus zu zeigen.
Vielleicht finde ich dieses Verhalten nur deshalb so krank, weil ich eine Deutsche bin und schon in der Schule gelernt habe, dass Krieg nichts als Leid und Schrecken bedeutet. US-Amerikaner, Franzosen und Engländer denken ebenso wie die Kanadier ganz anders (und zumindest die Froschschenkel-Griller und Rinderwahn-Erfinder können durchaus auf eine gewisse Kultur zurückblicken) und verherrlichen die Kriege, an denen sie teilgenommen haben, mit der Verehrung ihrer Veteranen.
Kriege bringen Tod und Zerstörung; sie sind durch nichts zu rechtfertigen. Gewalt kann keine Voraussetzung für Freiheit sein. Menschen, die andere Menschen töten, (auch wenn sie Soldaten sind) sind keine Helden.
Add comment November 21, 2006
