Silber und Gold

Nach gefühlten 7385 Fernseh-Sondersendungen und Myriaden von Analysen, Zeitzeugenberichten und Livetickern in Print- und Online-Medien scheinen wir nun endlich wieder unsere Ruhe zu haben – das Jubiläum des Mauerfalls ist bis weit über die Grenze der Geschmacklosigkeit hinaus breit getreten worden und selbst Wiedervereinigungsfans litten zuletzt unter akutem Brechreiz.
Aber meinetwegen; es passiert ja nicht mehr viel heutzutage. 9/11 ist lange her, die Bundestagswahl war auch eher langweilig und Michael Jackson ist mittlerweile unter der Erde. Doch muss man dann tatsächlich so weit gehen und jeden Honk dazu interviewen, was er während des Mauerfalls gemacht hat? Auch wenn er mit dem Kicker auf’m Klo gesessen hat?

Ich persönlich habe keine Ahnung, wo ich war und was ich getan habe. Ich könnte allenfalls meine alten Tagebücher rauskramen, aber wenn ich ehrlich bin, interessiert es mich auch nicht die Bohne. Ich erinnere mich lediglich noch an den Ausspruch eines Mitschülers, der meinte: „Das ist der Untergang des Abendlandes.“
So würde er das heute bestimmt nicht mehr sagen (dürfen), also hülle auch ich mich an dieser Stelle in beredetes Schweigen.

November 12, 2009 at 5:08 pm Hinterlasse einen Kommentar

Geheim statt gemein

Als wir Anfang 2005 nach Kanada gezogen sind, war das Problem eigentlich noch gar keins. Zumindest ich fand die gelegentlichen Meinungsumfragen oder Lotterielosverkaufsversuche eher lustig denn störend. Und in Kanada entgingen wir allem Dank zweier Mobiltelefone und keinem Festnetzanschluß. Mittlerweile bin ich ober-angenervt und das regelmäßig und dann oft nicht nur ein- sondern gleich mehrmals am Tag.

Ich bin davon überzeugt, daß die Nervensägen, die ihr Geld mit diesem Werbe-Verkaufs-Telefonterror verdienen, bestimmte Leute an bestimmten Tagen anrufen. Also montags und donnerstags sind wir dran, dienstags, mittwochs und freitags die anderen. Ob sie dabei nach Namen oder Straßen oder Nummernkreisen vorgehen… wen juckt’s. Fakt ist, daß natürlich gerade dann, wenn unser Tag ist, die Rufnummernübertragung mal wieder nicht funktioniert (was auch regelmäßig der Fall ist, handelt es sich doch bloß um einen kostenpflichtigen sogenannten Service der France Telecom), ich arglos abnehme (was ich bei „unbekannt“ im Display in der Regel nicht tue) und direkt spucken könnte, sobald ich „Allo?“ „Madame N…?“ höre. Denn erstens melden sich Franzosen nie zuerst mit ihrem Namen, sondern fragen direkt, ob sie auch das richtige Opfer am Rohr haben. Und zweitens heiße ich nicht „Madame N…“, sondern „Madame W…“ – was derjenige wissen dürfte, der einen triftigen Grund hat, mich anzurufen.

Eins steht fest: Mein nächster Telefonanschluß wird ‘ne Geheimnummer und mobil bleibe ich prepaid – wenn mich dann zuviele Leute anrufen, werfe ich das Ding einfach weg. Machen die bösen Buben im Tatort auch immer so.

Oktober 29, 2009 at 5:27 pm 1 Kommentar

Hinterm Horizont geht’s weiter

Lange, lange wollte ich mich schon daran machen, einmal ein paar unserer Ausflugtipps aufzuschreiben. Und da ich heute vor der Wahl stand, entweder das zu tun oder neue Bezüge für den Wohnwagen zu nähen (es lebe der Individualismus!), beisse ich lieber in den sauren Artikelapfel – auch und vor allem weil der am Ende des Tages fertig und veröffentlicht ist, während ich an den Bezügen wer weiss wie lange sitze.

Hier also unsere „Best of“ (unvollständig und in keiner Reihenfolge, sondern so, wie sie mir einfallen):

  1. Troyes (10): Kleine malerische Stadt mit einer schön renovierten Altstadt. Man kann einige Museen besichtigen oder auch einfach nur durch die schmalen Gassen bummeln und danach eine Kleinigkeit essen.

  2. Provins (77): Mittelalterliche Stadt und seit 2001 Weltkultur- und Naturerbe. Während der Sommermonate werden Ritterspiele aufgeführt.

  3. Chantilly und Senlis (60): Chantilly dürfte Freunden des Pferdesports ein Begriff sein. Man kann das Schloss und die dazugehörigen Ställe besichtigen (haben wir vor, aber noch nicht gemacht). Der Weg ins benachbarten Senlis ist ebenfalls sehenswert, verwunschen und kurvig. Wir waren dort zwar nur lecker essen, man kann sich aber auch die Kathedrale anschauen.

  4. Vaux-le-Vicompte (77): DAS Schloss schlechthin! Jedenfalls im Vergleich zu Fontainebleau und Versailles. Zum Glück gibt es mittlerweile Digitalkameras; ich wüsste nicht, wie viele Filme ich ansonsten verschossen hätte.

  5. Fontainebleau (77) und Versailles (78): Natürlich auch sehenswert, haben mich aber längst nicht so begeistert wie eben Vaux-le-Vicompte.

  6. Die Türme der Notre Dame de Paris (4. Arrondissement): Die grandiose Aussicht ist jede Treppenstufe wert – und auch die Wartezeit, bis man endlich hoch darf.

  7. Opera Garnier (Opera Nationale de Paris, 9. Arrondissement): Sehr üppig geschmücktes Gebäude mit einem wunderschönen Deckengemälde von Marc Chagall.

  8. Marais (4. Arrondissement): Schmale Gassen, schiefe Häuser, interessante Geschäfte und Lokale.

  9. Printemps (9. Arrondissement): Nicht so überlaufen wie die benachbarten Galeries Lafayette, ausserdem gefällt mir das Angebot besser. Das Highlight ist aber auch hier die Aussicht über Paris, die man auf der Dachterrasse gratis geniessen kann.

  10. Quartier Chinois (13. Arrondissement): Nix zum Bummeln, aber zum Essengehen!

  11. La Vallée Village (77): Outlet-Shopping vor den Toren von Paris, quasi in direkter Nachbarschaft zum Disneyland und an 7 Tagen die Woche. Longchamp, Burberry, Ralph Lauren – ich gehe selten ohne Tüten wieder heim, schliesslich heisst es ja auch shopping und nicht sightseeing.

Februar 20, 2009 at 6:00 pm 1 Kommentar

Deutsche Sprache, schwere Sprache

Nicht nur die Geschmäcker, auch das Ruhebedürfnis der Leute ist verschieden. Der schwer arbeitende Mann braucht seine Ruhe, das glückliche Kind braucht seine Ruhe und auch die stolze Mutter braucht ihre Ruhe. So weit, so gut.

Schwierig wird es, wenn Papa seine Ruhe braucht, Mama ihre Ruhe braucht und Fritzi „seine“ Ruhe braucht. Da korrigiert die Mama ganz automatisch – „ihre“ Ruhe heisst es richtig. Und da man pädagogisch wertvoll nicht einfach nur korrigiert, sondern auch erklärt, hört sich das dann (vereinfacht) so an: Mein Haus, mein Auto, meine Ruhe. Daraus folgt: Der Mann braucht seine Ruhe, die Frau braucht ihre Ruhe und die Fritzi – als ganz kleine Frau – braucht ebenfalls ihre Ruhe.

Dummerweise weiss Fritzi, dass sie ein Mädchen ist und so kam, was kommen musste: „Das Mädchen braucht ihre Ruhe.“ Da stand ich nun in meinem dünnen Hemd. Ein Junge ist ein kleiner Mann, ein „der“ und braucht seine Ruhe. Ein Mädchen ist zwar eine kleine Frau, aber keine „die“, sondern ein „das“ und braucht ebenfalls seine Ruhe. Nur, wie sag ich’s meinem Kinde?

Heute zumindest gar nicht, ich habe etwas vor mich hin genuschelt und weiter die Betten bezogen.

Februar 19, 2009 at 8:57 pm Hinterlasse einen Kommentar

Glory, glory, hallelujah

Letzte Woche gab es wieder einen dieser Tage, an dem ich die Franzosen gerne in einen Sack gepackt und auf den Mond geschossen hätte. Mich nerven die vollgekackten Bürgersteige, weil ich morgens im Dunkeln nicht sehen kann, ob ich mit dem Kinderwagen gerade durchfahre oder nochmal davon gekommen bin. Ich habe genug von rücksichtslosen Autofahrern, Müttern, die mit ihren kleinen Kindern über rote Ampeln laufen, Bussen, die zu spät oder gerne gar nicht kommen. Ich mag die marode Bausubstanz, die zusammen geklebten Ladenfassaden und den Müll, der überall rumliegt, nicht mehr sehen. Und die Sprache kann ich auch nicht mehr hören – geschweige denn sprechen.

Da kam mir dieser Bericht dann gerade recht! Mag sein, dass der Autor sogar in Paris lebt. Viel eher glaube ich aber, dass er zu viele französische Imagebroschüren gelesen hat oder als Lobbyist in Lohn und Brot steht. Zumindest aber arbeitet er in keinem normalen Büro und hat nur sehr begrenzten Zugang zur Pierre-Normal-Familie. Oder er verbreitet wider besseren Wissens ganz einfach das, was viele Deutsche gern über die Franzosen lesen wollen, damit sie sich darin ergehen können, wie gut es denen und wie schlecht es ihnen geht.

Denn auch in Paris wird am Schreibtisch gegessen. Oder im Gehen, während man etwas einkauft. Oder auch gar nicht. Wenn doch, dann wird abends entsprechend länger gearbeitet und man kann durchaus hinterfragen, ob eine schnelle Mittagspause, dafür aber ein Abendessen mit den Kindern nicht auch Motivation sein kann (statt immer nur von den verrohten Sitten in Deutschland zu schwadronieren).

Ja, und dann der „Dimanche Soir“. Wir schön heimelig das klingt! Und auch wäre, wenn es leckere Reste vom Mittagessen gäbe. Ein einziger Blick in einen durchschnittlichen französischen Einkaufwagen genügt, um zu wissen, dass wohl auch das „Dimanche Dejeuner“ in erster Linie aus Resten besteht – wenn auch industriell zu einem gesamten Mahl verarbeitet. Wie sieht wohl ein Reste-Essen aus Fertiggerichten aus? Genau!

Wie wäre es, wenn der Autor mal auf die Idee käme, den Leckereien der deutschen Küche zu frönen? Dann würde er z.B. merken, dass mit Sauerkraut, Schweinshaxe und Linseneintopf beliebte französische Gerichte auch anderswo hervorragend zubereitet werden.

Mir jedenfalls geht die Glorifizierung alldessen was französisch ist gehörig auf die Nerven.

PS: Vielleicht warte ich jetzt einfach mal besseres Wetter, den Gewinn der Sofort-Rente oder die Wahl der Dschungelkönigin ab, bis ich wieder etwas schreibe. Das hebt die Stimmung, setzt positive Energien und Blog-Artikel frei!

Januar 24, 2009 at 3:18 pm Hinterlasse einen Kommentar

Freundlichkeit ist eine Zier

Manches, was ich manchmal sage und schreibe, stösst manchem sauer auf. Aber das kann man ja diskutieren!

Ich bin uneingeschränkt dafür, dass Frauen sich nicht zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen (wobei das Thema Karriere nicht einmal für Frauen ohne Kind ein Selbstgänger ist). Dazu gehört z.B., dass Kinderbetreuung nicht mehr ausschliesslich oder größtenteils Muttersache ist, sondern auch die Väter zu gleichen Teilen daran partizipieren. Es muss flexible Arbeitszeiten für beide Eltern und vielfältige Betreuungsangebote für die Kinder geben. Finanzielle Unterstützung spielt sicher eine Rolle, ist meiner Meinung nach aber nicht ausschlaggebend. Soviel zu einer frauen- und damit elternfreundlichen Familienpolitik.

Eine kinderfreundliche Familienpolitik sieht für mich anders aus. Kinder brauchen ihre Eltern – nicht nur am Wochenende. Und Kinder brauchen auch Förderung. Die können sie aber nur in einer qualitativ hochwertigen Betreuung bekommen. Eine Erzieherin, die 10 oder gar 15 Kinder gleichzeitig betreut, kann das niemals leisten. Kindern ist nicht damit geholfen, dass es einen Rechtsanspruch auf Betreuung gibt, den Eltern schon und das ist ein Unterschied.

Ich wehre mich dagegen, dass deutsche Mütter immer dann leuchtende Augen bekommen, wenn sie hören, dass ich in Frankreich lebe. Oh, wie kinderfreundlich das Land sei und oh, wie toll das Betreuungsangebot.
Kinder finden im öffentlichen Leben kaum statt. Diejenigen, die Eltern sind, verbringen die meiste Zeit ohne ihre Kinder. Am Wochenende treffen sie dann aufeinander und man sieht die Väter, die ihre Kinder an den Ohren vom Spielzeugregal im Supermarkt wegziehen und die Mütter, die ihren Kindern eine Süssigkeit aus der Hand schlagen und sie dabei anschreien. Kinderfreundlich?

Natürlich ist es für die Kinder immer noch besser, mehr schlecht als recht aber immerhin betreut zu werden, statt allein mit einer restlos überforderten und von niemanden unterstützten Mutter zu Hause zu sein. Aber kinderfreundlich?

Und wirklich frauenfreundlich sind übrigens auch die Franzosen nicht, denn auch wenn arbeitende Mütter voll anerkannt sind, werden die nicht arbeitenden Mütter nicht für voll genommen. Und die Kinder zur Schule, zum Turnen oder in die Musikschule zu bringen, ist auch hier immer noch Muttersache.

Januar 23, 2009 at 2:40 pm Hinterlasse einen Kommentar

Widerstand zwecklos

Kriege, Krisen, Katastrophen – die Weltnachrichten sind dieser Tage voll von Hiobsbotschaften. Bei uns gibt es dementsprechend nur ein Thema: Kindergarten.

Fritzi hat im Dezember ihr zweites Lebensjahr vollendet und damit die Reife erlangt, einen französischen Kindergarten zu besuchen. Auch wenn ich es nicht hoffe, kann es immer noch passieren, dass ihr Ernst des Lebens mit sechs Jahren in einer französischen Schule beginnt. Darauf muss man sich vorbereiten, das ist kein Zuckerschlecken. Immerhin verbringt sie ihre Tage nicht seit dem dritten Lebensmonat in einer Krippe und konnte wenigstens ein bisschen Nestwärme tanken. Was andererseits den Vorteil hätte, dass sie den morgendlichen Abschied bereits kennen würde (dass er Krippenkindern nichts mehr ausmacht, halte ich allerdings für ein Gerücht).

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich finde es sehr gut, dass sie in den Kindergarten geht, weil ich davon überzeugt bin, dass sie von dem Zusammensein mit den anderen Kindern profitieren wird, und wir haben uns die Schule, wie sie hier genannt wird, sehr genau ausgesucht. Es ist eine private Einrichtung, die nach den Vorgaben von Maria Montessori arbeitet. Was im Vergleich zu den staatlichen Betreuungsangeboten (10 Kinder pro Erzieher sind keine Seltenheit, da kann man eigentlich nur noch für Ruhe sorgen) einen gewaltigen Unterschied ausmacht. Kleinere Gruppen, mehr Erzieherinnen, kein Frontalunterricht, keine Disziplinierung.

Trotzdem: Mit zwei Jahren sind die Kinder noch sehr klein und der Abschied von Mama oder Papa ist jeden Morgen auf’s Neue eine Begegnung mit der Urangst des Verlassenwerdens. Besonders schlimm ist es montags (nach dem Wochenende) und donnerstags (weil der Mittwoch frei ist). Und Fritzi hat noch den Vorteil, dass ich sie nach dem Mittagessen wieder abhole. Die meisten bleiben den ganzen Tag dort.

Für die Eltern ist es natürlich toll, dass es all diese Angebote gibt. Und vor allem, dass sich niemand dafür rechtfertigen muss, wenn sie bereits fünf Tage nach der Geburt ihres Kindes wieder arbeitet (so wie unsere Justizministerin hier). Vielleicht könnte die Vergreisung des deutschen Landes mit einer ähnlich elternfreundlichen (denn kinderfreundlich, seien wir doch ehrlich, sieht anders aus) Familienpolitik verhindert werden. Denn was ist praktischer, als Kinder zu bekommen, aber keine Verantwortung tragen zu müssen, weil sie von klein auf den ganzen Tag fremdbetreut werden? Man muss sie nicht bekochen, sie bringen kaum etwas im Haushalt durcheinander und die Freizeitgestaltung findet nur am Wochenende statt. Da fallen einem dann auch zwei bis drei Spiele ein und Werte kann man in der kurzen Zeit eh nicht vermitteln. Super Geschichte!

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang auch, was andere Deutsche, die im Gegensatz zu mir hier arbeiten gehen, berichten: Im Arbeitsleben haben sie u.a. deshalb häufig Probleme, weil französische Angestellte (wenn sie keine Führungskraft sind) nur selten Eigeninitiative zeigen. Sie machen das, was der Chef ihnen sagt – und der will das auch so. Hier werden Aufgaben, aber keine Verantwortung, delegiert. Pro-aktives Handeln ist ein Fremdwort. Wenn man es in Deutschland gewohnt war, selbstständig zu arbeiten, ist man hier ganz schön gekniffen – der Chef weiss alles besser und kann auch alles besser. Und die, in diesem Fall wirklich, Untergebenen finden das gut und machen sich an ihren Auftrag.

Ein Schelm, wer denkt, dass es daran liegt, dass sie bereits als Kleinkinder darauf getrimmt wurden, ihrem Lehrer widerspruchslos zu folgen.

Januar 16, 2009 at 4:30 pm Hinterlasse einen Kommentar

Lieber ein Ende mit Schrecken…

Zum Glück gibt es für jede Lebenslage einen dummen Spruch und zum Glück geschehen manchmal noch Wunder: In der letzten Woche konnte Faris zu seiner Mutter nach Bremen zurückkehren.

Ein herzliches Dankeschön an alle, die geholfen haben!

Weitere Infos findet Ihr hier.

November 24, 2008 at 5:08 pm Hinterlasse einen Kommentar

Ich warte, also bin ich

Ein schlauer Mensch hat mal herausgefunden, dass wir statistische 5 Jahre unseres Lebens wartend in irgendwelchen Schlangen verbringen (während wir uns nur 3 Monate lang die Zähne putzen und 1,5 Jahre lang waschen – was natürlich nicht für die Franzosen gilt, aber das hatten wir ja schon).

Aus Hamburg wieder zurück in Paris haben wir uns also als erstes daran gemacht, etwas auf unser Lebenswartenschlangenkonto einzuzahlen und uns das Innere des Chateau Versailles angeschaut.
Zuerst standen wir anderthalb Stunden vor dem Ticket-Schalter an, danach, um reingehen zu dürfen, dann, um einen Audioguide zu bekommen und schlussendlich nochmal, um einen Blick in die Kapelle zu werfen. Für die Toiletten mussten wir uns sowieso immer anstellen. Dazwischen trug uns die Menschenmasse von einem Raum in den anderen, mit andächtigem Verharren war plötzlich Schluss.

Mittlerweile hatte Fritzi die Lust am Telefonieren mit dem Audioguide verloren und Hunger bekommen. Essen ist in Versailles verboten. Zum Glück hält sich Gerolds Interesse an Schlössern in Grenzen und die zwei hielten ein Picknick mit anschließendem Mittagsschlaf im Schlosshof ab (was eigentlich auch verboten ist, zumindest der Teil mit der Nahrungsaufnahme – Trinken darf man übrigens, aber nicht mehr als 0,5 Liter).

Versailles ist ein beeindruckender Bau mit einem ebenso beeindruckenden Garten (dessen Wasserspiele allerdings nur zweimal pro Tag das Auge erfreuen). Leider sind von der Inneneinrichtung kaum Möbel erhalten und der Eindruck, den man vom höfischen Leben bekommt, ist begrenzt. Auch dadurch, dass man beispielsweise keine Küchen oder Badezimmer (die es vielleicht gar nicht gibt?) anschauen darf.
Einen etwas authentischeren Eindruck vom damaligen Schlossleben bekommt man – und damit bringe ich dann doch tatsächlich meinen ersten Ausflugstipp an – im Chateau Fontainebleau. Der Garten ist zwar bei weitem nicht so eindrucksvoll wie das Pendant in Versailles, doch dieses Manko kann man durch einen Spaziergang im nahe gelegenen – und riesigen – Forêt de Fontainebleau locker ausgleichen.

August 12, 2008 at 3:09 pm 1 Kommentar

Hamsterfahrt

Natürlich stand unser Hamburg-Besuch nicht nur im Zeichen der Selbsterkenntnis, sondern auch der Selbsterneuerung: Ich war endlich mal wieder beim Friseur.

Nun ist es nicht so, dass es die Figaros in der Hauptstadt der Mode nicht drauf hätten – ganz im Gegenteil, bestimmt sind sie einsame Spitzenklasse. Nur leider fehlten mir bisher immer im entscheidenden Moment die Vokabeln, die das drohende Desaster aufzuhalten vermocht hätten und die Weltsprache Englisch gehört einfach nicht zum Repertoire der hiesigen Coiffeurs.

Nach diversen Verschneidungen sass ich also endlich wieder auf einem deutschen Friseurstuhl und genoss die Beschreibung dessen, was ich gern hätte, in meiner Muttersprache.

Da der Zufall bekanntlich ein Eichhörnchen ist, kam der junge Mann, der meine Haarpracht wieder in Form bringen sollte, aus der schönen und französischen Provence. Zwangsläufig landeten wir irgendwann beim Thema Essen, das geht auch gar nicht anders, und da er kaum glauben konnte, dass man deutsche Lebensmittel im Reich des Paul Bocuse vermissen kann, erzählte ich ihm von unserer letzten Hamsterfahrt nach Deutschland, als wir nicht nur unseren Wohnwagen gekauft, sondern auch dessen Zugmaschine (das ist seit Januar übrigens der neue Volvo V70 – ein seeehr grosses Auto, viiiel zu gross für Pariser Strassen und Parkplätze, mit einem tollen Kofferraum und einem miserablen Navigationssystem) bis ans Dach beladen haben.

Zum Beispiel (nix für Vegetarier und andere Gesundheitsbewußte, aber immerhin Bio bzw. von Bauernhöfen aus der Region) mit Leberwurst, Teewurst, Mettwurst (eine französische Salami kann mit einer deutschen Mettwurst einfach nicht mithalten), Mettenden, Landjäger, Schinken (auch hier ziehe ich die geräucherte Variante der luftgetrockneten eindeutig vor), Bierschinken, Schinkenwurst, Sauerbraten, Rouladen und Streich-Bratwurst, aber auch mit Trollinger, Trollinger mit Lemberger, Schwarzriesling, Spätburgunder (ich habe immer noch keinen französischen Rotwein gefunden, nach dessen Genuss ich mich nicht wie mit Beton-Schuhen an den Füssen fühle), Brot, Kuchen und Marmelade von Fritzis Oma und Selbstgebrannten von Fritzis Ur-Opa.

Ein bisschen was wieder gut machen konnte ich immerhin, als ich ihm sagte, dass ich zumindest zwei traditionelle französische Gerichte kochen kann – nämlich die Quiche und die Tartiflette – und nie mehr wieder ohne Creme Brulee und Pain Suisse leben möchte.

Wenn ich mir allerdings die Liste nochmal anschaue… Vielleicht reisen wir mit unserem Wohnzimmer auf Rädern doch nicht weiter in Frankreich rum, sondern nisten uns auf einem deutschen Supermarktparkplatz ein…

August 8, 2008 at 3:38 pm Hinterlasse einen Kommentar

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